J. W. Dudenhausen, E. Schwinger:
Reproduktionsmedizin: Möglichkeiten und Grenzen

Es war einmal eine Zeit, in der die Menschen Hoffnungen setzten in den Fortschritt. Das klingt wie der Beginn eines Märchens. Das Märchen ist zu Ende.

Reproduktionsmedizin: Möglichkeiten und Grenzen
J. W. Dudenhausen, E. Schwinger
Frankfurt/Main 2000
ISBN 3-921320-53-4

Inhalt

1. Ethische Probleme der Reproduktionsmedizin
D. Birnbacher
2. Wissen - Auswählen - Verändern: Quo vadis, Reproduktionsmedizin?
Chr. Woopen
3. Aktuelle rechtliche Aspekte der Fortpflanzungsmedizin
Chr. Dierks
4. Der unerfüllte Kinderwunsch - Behandlungsindikation? Behandlungspflicht
M. Ludwig, K. Diedrich
5. Die Behandlung des unerfüllten Kinderwunsches aus Sicht der Kostenträger
W Ingenhag
6. Präimplantationsdiagnostik: in Deutschland nicht erlaubt - aber notwendig?
H. Hepp
7. Präfertilisationsdiagnostik: Ein Ausweg aus dem rechtlichen Dilemma
E. Schwinger, D. Tomi
8. Toti- oder pluripotente Zellen als Objekte der Forschung
H. M. Beier
9. Embryonale Stammzellen: neue Perspektiven für den Zellersatz im zentralen Nervensystem
O. Brüstle, K. Karram, R. Buschwald, O. Wiestler
10. Das Klonieren von Tieren - Bedeutung für Grundlagenforschung und Biotechnologie
E. Wolf
11. Die iatrogenen Mehrlingsschwangerschatten - Reduktion aus mütterlicher und kindlicher Sicht - Vermeidungsstrategien
J. W. Dudenhausen
12. Follow up von Kindern aus Schwangerschaften nach reproduktionsmedizinischen Maßnahmen
R. Felberbaum, M. Ludwig, K. Diedrich
13. Langzeitbeobachtung von Zwillingen und höhergradigen Mehrlingen
A. van Baalen, H. Versmold

Vorwort

Es war einmal eine Zeit, in der die Menschen Hoffnungen setzten in den Fortschritt. Das klingt wie der Beginn eines Märchens. Das Märchen ist zu Ende. Was hat sich geändert? Die Gesellschaft ist in den letzten 40 Jahren einem Wertewandel unterworfen, der durch den Verlust des Glaubens an den Fortschritt gekennzeichnet ist. Fortschritt ohne Preis ist nicht zu haben. Die Wohlstandsgesellschaft ließ Müllberge wachsen, die mobile Gesellschaft erstarrte im Stau, die überernährte Bevölkerung erkrankte an den Zivilisationskrankheiten. Mit diesen Beispielen ist die Befindlichkeit der Gesellschaft beschrieben, in der sich in den letzten Jahren die Reproduktionsmedizin entwickelte. Spektakuläre Erfolge der Reproduktionsmedizin in Diagnostik und Behandlung der krankhaften Sterilität, aber auch Risiken und Missbrauchsmöglichkeiten wurden deutlich. Die Gesellschaft schwankt zwischen Angst und Zustimmung, zwischen Möglichkeiten und Gefährdung.

Es gibt kein menschliches Handeln ohne Risiko. Je komplizierter und anspruchsvoller eine Technologie ist, desto schwieriger wird es für ein Nichtfachmann, die Folgen abzuschätzen. Die Stiftung für das behinderte Kind sieht es daher als ihre Aufgabe an, die neuzeitlichen Entwicklungen der Reproduktionsmedizin kritisch darstellen zu lassen, Gefährdungen der Entwicklung aufzuzeigen sowie Ärzte und Öffentlichkeit neben den spektakulären Erfolgsmöglichkeiten der Zukunft auch die Grenzen des Vertretbaren darzustellen. Dabei sollen nicht nur die Dinge zu Sprache kommen, die auch heute schon die tägliche Arbeit der Reproduktionsmedizin prägen, sondern auch die Visionen von morgen, wie das Klonen zur Bereitstellung von Organersatz. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Erfahrung zeigt, dass praktisch jede neue wissenschaftliche Technik zur Anwendungsreife gebracht werden kann, wenn sie im Prinzip erst funktioniert.

Ein Philosoph füllte 1999 das mediale Sommerloch. Peter Sloterdijk gab in seinem Vortrag am 17. Juli in Schloss Elmau „Regeln für den Menschenpark“ Stichwörter für Anmerkungen, Kommentare und geharnischte Antworten. Eine Diskussionswelle schob sich durch alle angesehenen Printmedien unserer Republik. In der Diskussion um den Vortrag von Sloterdijk fehlten die Stimmen von Fachleuten, die sich mit den Biotechniken auskennen, zu denen Sloterdijk so lautstark dilettierte. Die Stiftung für das behinderte Kind hofft, mit dieser Veröffentlichung die Diskussion über die Reproduktionstechniken voranzutreiben, die Zusammenhänge aufzuzeigen zwischen Präimplantationsdiagnostik, Embryonen-Schutzgesetz, pränataler Diagnostik und § 218 11. StGB.

Die Debatte über Nutzen und Risiken der neuen Techniken muss die informierte Gesellschaft führen, die Antworten können die Ärzte nicht allein finden.

Berlin im Oktober 2000

Joachim W. Dudenhausen



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