Presse

Hier finden Sie interessante Artikel und Fernsehbeiträge über die Arbeit der Stiftung für das behinderte Kind sowie zu unseren Schwerpunktthemen.

Alkohol in der Schwangerschaft: 0 Prozent Alkohol in der Schwangerschaft verhindert die fetale Alkoholschädigung zu 100 Prozent



04.12.2011, Die Welt, Beilage Frauengesundheit

Von Gabriele Grünebaum

Allein in Deutschand werden jährlich mehr als 3.000 Kinder mit einer erkennbaran Alkoholschädigung geboren. Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist die häufigste Ursache für angeborene körperliche und geistige Behinderungen.

Neben organischen Schäden - etwa Gehirnschäden, Herzfehlern oder Minderwuchs - kann Alkoholkonsum der werdenden Mutter Intelligenzminderung, Verhaltens-, Lern- und Schlafstörungen beim Kind verursachen. Trotzdem werden die Gefahren des Trinkens während der Schwangerschaft oft verharmlost. Dabei treten fetale Alkoholspektrum-Störungen (FASD) nicht nur bei Kindern von alkoholkranken Müttern auf. Auch beim gesellschaftlich akzeptierten "Gläschen in Ehren" trinkt das Kind im Bauch der Mutter mit. Während für die Mutter Alkohol ein Genussmittel sein mag, ist es für das ungeborene Kind ein Schadstoff, den es nicht verträgt und den es kaum Abbauen kann. In Abhängigkeit von Reifestadium und Alkoholmenge wirkt sich der Alkoholkonsum der Schwangeren irreversibel schädigend auf das ungeborene Kind aus. Auch schon kleine Mengen Alkohol können das Ungeborene schädigen.

Daher lautet der Rat von Prof. Jochen Dudenhausen, vom Vorstand der Stiftung für das behinderte Kind: "Trinken Sie keinen Schluck Alkohol in der Schwangerschaft - es gibt kein gesundes Maß an Alkohol in der Schwangerschaft."

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Achtung, Baby trinkt mit - FASD-Beratungsstelle von Schließung bedroht



19.12.2011, taz

Von Juliane Wiedemeier

Manchmal passt ein kompliziertes Problem in einen Satz: "Meine muter Trinkte", steht in krakeliger Schrift auf einem Plakat im Büro von Professor Hans-Ludwig Spohr. Der Kinderarzt leitet des FASD-Zentrum der Charité. Mit dem Kürzel FASD, kurz für Fetal Alcohol Spectrum Disorder, bezeichnen Mediziner bestimmte körperliche und geistige Behinderungen von Menschen, deren Mütter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Die Einrichtung auf dem Campus Virchow-Klinikum in Wedding ist eine von zwei Stellen in ganz Deutschland, wo dieses Syndrom diagnostiziert werden kann. Zum Jahresende muss es schließen: Es fehlt am Geld.

"Unsere Einrichtung wurde vor vier Jahren als Beratungsstelle im Spandauer Kinderheim Sonnenhof gegründet", erzählt Spohr. Der 71-Jährige ist eine Koryphäe der FASD-Forschung. Finanzielle Unterstützung erhielt das Zentrum damals von der Aktion Mensch. Als diese Förderung nach zwei Jahren auslief, nahm Spohr Kontakt mit der Stiftung für das behinderte Kind auf. In deren Räumen arbeiten er und zwei Psychologinnen seitdem, Geld kommt von "Ein Herz für Kinder". Nun endet auch diese Unterstützung. "Damit liegt unsere Arbeit auf Eis, bis wir neue Sponsoren gefunden haben."

Ende einer Odyssee
Rund 300 Patienten aus ganz Deutschland kommen jedes Jahr ins FASD-Zentrum. "Zu 90 Prozent Pflegeeltern, die uns ihre Kinder vorstellen, weil sie Probleme und oft keine Diagnose haben", erklärt Spohr. Für viele ende mit dem Besuch eine Odyssee durch Arztpraxen. Zwar sei FASD seit 1973 bekannt, es werde aber kaum wahrgenommen und oft mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verwechselt. Im Gegensatz zu diesem sei FASD aber nicht heilbar. "Wenn eine Mutter während der Schwangerschaft Alkohol trinkt, und sei es nur ab und zu mal ein Glas Wein, schädigt sie ihr Kind für sein ganzes Leben", so der Kinderarzt.

Adrienne Frenzel ist Hebamme und Pflegemutter von zwei Kindern mit FASD. Bei einem der beiden stritt die leibliche Mutter vehement ab, in der Schwangerschaft Alkohol getrunken zu haben. "Drei Jahre haben wir Ärzte besucht, genetische Tests machen lassen. Bis letztendlich herauskam, dass es doch FASD ist."

Das Problem, so Frenzel: Man sehe den Kindern ihre Behinderung meist nicht an. Von vielen Menschen werde sie deshalb nicht für voll genommen. Dabei litten FASD-Patienten unter vielerlei Störungen: "Meine Kinder haben kein Problembewusstsein, kein emotionales Feingefühl, kein Gefühl für Distanz. Sie setzen sich bei jedem einfach auf den Schoß", erzählt sie. Hinzu kämen körperliche Fehlbildungen, etwa Gaumenspalten. Weil viele FASD-Patienten aber einen durchschnittlichen IQ hätten, kämen sie oft problemlos durch die Einschulungsuntersuchungen. "Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen führen dann aber dazu, dass sie in der ersten Klasse völlig überfordert sind."

Auch für Professor Spohr ist eine der größten Schwierigkeiten der Betroffenen, dass ihre Behinderung zu spät erkannt wird und sie bis dahin im normalen System, etwa in der Schule, mithalten müssen. "Die wichtigste Therapie für diese Krankheit ist die Diagnose", sagt er deshalb. Sie sei die Voraussetzung, dass man die Kinder entsprechend fördern könne - indem man sie etwa psychotherapeutisch betreue und auf eine Förderschule schicke.

Genau hier wird es aber kompliziert. Denn FASD zu diagnostizieren ist nicht leicht, die Symptome sind sehr diffus. Spohr hält sich bei seiner Arbeit an einen diagnostischen Katalog der Amerikanerin Susan Astley. Kontrolliert wird dabei, ob die Kinder zum Beispiel untergewichtig sind, ihr Gehirn etwas kleiner ist als normal, sie eine schmale Oberlippe und kleine Augen haben oder verhaltensauffällig sind. Seine Erkenntnisse fasst er in Gutachten zusammen, die die Voraussetzung für entsprechende Förderung sind. "Ob Behindertenausweis, Pflegestufe oder die Durchsetzung erweiterten Förderbedarfs - alles geht einfacher mit Diagnose und Gutachten", meint Pflegemutter Frenzel.

Doch außer dem FASD-Zentrum in Wedding macht sich nur ein Psychologe im westfälischen Münster diese Arbeit. Bei dem seien aber schon jetzt die Termine bis 2013 ausgebucht, weiß Frenzel. Die Schließung des Zentrums hinterlässt also eine riesige Lücke. Die Kinderärzte als erste Anlaufstelle lassen bislang die Finger vom Thema FASD - die Diagnose ist komplex und lässt sich derzeit auch nicht bei den Krankenkassen abrechnen. Im kommenden Jahr soll es zwar endlich einen Code für die Abrechnung der FASD-Diagnose geben, die Kosten für das Gutachten von rund 250 Euro müssen aber auch dann weiterhin die Pflegeeltern tragen.

4.000 Fälle im Jahr
Laut einer Schätzung, die Spohr unter anderem auf Basis einer eigenen Forschungsreihe aus den 90er Jahren angestellt hat, werden in Deutschland jährlich rund 4.000 Kinder mit FASD geboren. "Diese Zahl ist aber sehr konservativ bestimmt. In Kanada geht man davon aus, dass eines von hundert Kindern unter der Krankheit leidet", meint der Professor. Der Bedarf für sein Zentrum sei also da, weshalb ein neuer Sponsor dringend benötigt werde.

Auch Adrienne Frenzel hofft, dass die Schließung des Zentrums zum Jahresende nur vorübergehend ist. "Es ist für uns eine wichtige Anlaufstelle für die Diagnose, aber auch für spätere Kontrolluntersuchungen", sagt sie. Um in Zukunft nicht ganz allein dazustehen, hat sie im September eine Selbsthilfegruppe für Pflegeeltern von FASD-Kindern gegründet. Bereits jetzt seien zwölf Familien dabei, zum nächsten Treffen hätten sich schon wieder zwei neue angesagt. "Der Bedarf, sich auszutauschen und gegenseitig zu beraten, ist riesig."

Mit der Stiftung für das behinderte Kind hat das Zentrum auch in Zukunft zumindest einen Unterstützer auf seiner Seite. "Unser Eigenkapital reicht aber nicht aus, um das Zentrum selbst zu tragen", erklärt Georg Ralle, Vorstandsmitglied der Stiftung. Daher habe man sich vor zwei Jahren "Ein Herz für Kinder" mit ins Boot geholt. Nun helfe man bei der Suche nach einem neuen Sponsor - damit die Arbeit weitergehen kann.

Original-Artikel "Achtung, Baby trinkt mit"

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Klüger, weil Mama getrunken hat?



13.11.2010, Frankfurter Rundschau

Britische Forscher: Leichter Alkoholgenuss schadet dem Ungeborenen nicht / Experten raten dennoch zu Abstinenz

Von Birgitta vom Lehn

Trinkt die Mama in spe ein oder zwei kleine Gläschen Wein à zehn Milliliter pro Woche, dann trinkt das Baby im Bauch zwar mit, es schadet ihm aber nicht. Zu diesem Ergebnis kommen britische Forscher des University College in London in einer Studie an mehr als 11 000 Fünfjährigen. Die im Journal of Epidemiology and Community Health veröffentlichte Untersuchung bestätigt damit Zwischenergebnisse von vor zwei Jahren. Damals hatten die Forscher bereits verkündet, bei Dreijährigen seien keine nachteiligen Auswirkungen bezüglich Verhaltensentwicklung und geistigen Kapazitäten erkennbar.

Mit ihrem Fazit gießen die Wissenschaftler nun erneut Öl ins Feuer einer seit Jahren unter Fachleuten umstrittenen Frage, ob Alkohol in der Schwangerschaft das Kind im Mutterbauch gefährdet oder nicht. Je nach Nationalität fällt die Antwort unterschiedlich aus. Während in einigen Ländern wie den USA, Frankreich und Deutschland Abstinenz gepredigt wird, gelten in Großbritannien ein bis zwei Drinks ein- bis zweimal wöchentlich als relativ sicher. Insofern bestätigt die neue Studie nur die nationale Haltung.
In Australien galten bis November 2007 zwei Drinks pro Tag und unter sieben pro Woche als unbedenklich. Inzwischen lautet die offizielle Empfehlung dort jedoch auch "no drinking is the safest option", also völlige Alkoholabstinenz. Die britischen Wissenschaftler hatten für ihre Studie die schwangeren Probandinnen in verschiedene Gruppen einsortiert: in solche, die nie trinken; die nur in der Schwangerschaft nicht trinken; die nur wenig trinken ("light"); die mäßig trinken ("moderate"); die häufig trinken ("heavy" / "binge"). Als ihre Kinder fünf Jahre alt waren, besuchten die Wissenschaftler die Familien und befragten sie nach eventuellen kognitiven und emotionalen Defiziten der Kinder.

Ergebnis: Die Mädchen und Jungen derjenigen Mütter, die in der Schwangerschaft ein wenig getrunken hatten ("light drinkers"), also etwa ein bis zweimal je zehn Milliliter Wein, zeigten insgesamt sogar weniger Probleme als diejenigen, deren Mütter komplett auf Alkohol verzichtet hatten (bei Jungen 6,6 versus 9,6 Prozent, bei Mädchen 4,3 versus 6,2 Prozent). Hyperaktivität kam bei ihnen ebenfalls seltener vor (bei Jungen 10,1 versus 13,4 Prozent, bei Mädchen 5,5 versus 7,7 Prozent). Außerdem schnitten die Kinder der "Light"-Trinkerinnen in kognitiven Tests etwas besser ab: Sie verfügten über einen höheren Wortschatz, besaßen ein besseres Bildgedächtnis und waren fitter im Basteln.

Britische Gesundheitsexperten warnen allerdings davor, die neue Studie als Freifahrtschein für Alkoholgenuss in der Schwangerschaft zu betrachten. Es bestehe die Gefahr, dass Schwangere mit einer kleinen Menge Alkohol anfangen und dann doch mehr trinken als sie eigentlich dürften. So zeigen Erfahrungen in Ländern mit einer eher liberalen Empfehlung, dass Schwangere dann auch mehr konsumieren als empfohlen.

Starker Alkoholgenuss während der Schwangerschaft schädigt nämlich in jedem Fall das Kind, das beweist auch diese Studie: Jene Fünfjährigen, deren Mütter starke Trinkerinnen waren ("heavy"), schnitten erwartungsgemäß am schlechtesten ab, sowohl hinsichtlich emotionaler wie auch kognitiver Fähigkeiten.
."Es besteht kein Zweifel, dass schwerer Alkoholgenuss einen negativen Einfluss hat", sagt Studienautor Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Warwick, und weist auf das gefürchtete Fötale Alkoholsyndrom (FAS) hin. Dabei handelt es sich um die vorgeburtlich entstandene Schädigung eines Kindes durch Alkohol. "Wenn möglich sollten Mütter während der Schwangerschaft keinen Alkohol trinken. Starkes Trinken sollte auf jeden Fall vermieden werden."

Die Stiftung für das behinderte Kind setzt für ihre "Mein-Kind-will-keinen-Alkohol"-Kampagne seit Jahren auf vollständige Abstinenz: "In Abhängigkeit von Reifestadium und Alkoholmenge wirkt sich so der Alkoholkonsum der Schwangeren nachhaltig schädigend auf die körperlich-organische, kognitive und soziale Entwicklung des Ungeborenen aus." Für ihre Plakataktion gewann die Stiftung prominente Mütter wie Bettina Wulff ("Kein Gläschen in Ehren!") und Silvana Koch-Mehrin ("Die Verantwortung für Ihr Kind beginnt schon vor der Geburt!").
Dass selbst Frauenärzte Alkoholkonsum in der Schwangerschaft tolerieren, findet Stiftungsvorsitzender Joachim Dudenhausen, der bis zu seiner Emeritierung Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité war, "völlig inakzeptabel, denn es gibt keine Toleranz eines Embryos gegenüber den Giftstoffen Alkohol und Nikotin".

Dudenhausen steht der britischen Studie aus zwei Gründen skeptisch gegenüber. "Erstens wissen wir nicht, welche Alkoholmenge schädlich ist." Vermutlich gebe es Unterschiede, die den Zeitpunkt betreffen: So könnte es sein, dass Alkohol zu Beginn der Schwangerschaft zwar weniger schädlich ist für das Gehirn, aber stärker für die Formung des Gesichts oder anderer Körperteile. "Zweitens bezweifle ich die wissenschaftliche Exaktheit der Studie. Denn: Wie aussagekräftig ist es, wenn Frauen rückwirkend über ihren Alkoholgenuss während der Schwangerschaft berichten sollen?"

Dudenhausen plant nun eine Studie, die das Trinkverhalten Schwangerer aufgrund von Haaranalysen zum Geburtstermin nachweisen kann. "Anhand der gewachsenen Haare kann man dann sehr genau erkennen, wie viel Alkohol die Frauen genossen haben." Von exakten Daten verspricht sich der Mediziner einheitlichere Empfehlungen. "Solange wir keine stichfesten Daten haben, wird es auch unter Experten keine einheitliche Meinung geben."
Wie groß die Differenzen sind, macht das Stichwort "Gesellschaftstrinkerinnen" klar: Für Dudenhausen zählen genau diese Frauen zur Problemgruppe und "nicht die Schwangere mit Dauerfahne", von denen es ohnehin nur verschwindend wenige gebe.

Sein Kollege Klaus Vetter, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), hat hingegen nichts gegen das "gepflegte Trinken" einzuwenden. "Ansonsten müsste das FAS-Syndrom ja in Ländern wie Italien und Frankreich, wo das Glas Wein zur täglichen Tischkultur einfach dazu gehört, stark verbreitet sein." Vetter findet deshalb die Alkohol-Abstinenz-Kampagne für Schwangere "sehr einseitig", sie "grenzt aus". Das Problem sei nur, dass die jüngste Studie "das falsche Signal an die falschen Leute" senden könnte. Vetter: "Ich ziehe aus der Studie den Schluss: Der gebremste, zivilisierte Genuss von Alkohol schadet dem Kind nicht." Nur dürfe man daraus nicht den umgekehrten Schluss ziehen: "Wenn etwas nicht schadet, muss man es noch lange nicht machen. Und ob es nützt, ist nicht bewiesen."

Dazu bedürfe es vor allem einer gründlichen sozioökonomischen Analyse. Denn es stehe zu vermuten, dass diejenigen Probandinnen, die Alkohol in Maßen genossen hatten und deren Kinder bessere kognitive und emotionale Ergebnisse aufwiesen, vorwiegend der bildungsbürgerlichen Schicht entstammten und schon dadurch im Vorteil waren.
Für "absoluten Schwachsinn" hält Thomas Dimpfl, Direktor der Frauenklinik des Klinikums Kassel, das Fazit der britischen Forscher. "Wir wissen alle, dass Alkohol schädlich ist und wir wissen auch sehr genau, dass es keine genau zu definierende Schwelle gibt, sprich wie viel schadet nicht."
Daher sei die Empfehlung für die Schwangerschaft "ganz klar": jegliches potenziell Gefährliche vermeiden. Dimpfl: "Es gibt für alles ein Studie, aber man darf meines Erachtens auch den gesunden Menschenverstand nicht ausschalten."

Starker Alkoholgenuss während der Schwangerschaft belastet immer das Kind

Alkohol gehört zu den potenziell giftig wirkenden Stoffen, die die Plazentaschranke, die den Blutkreislauf der Mutter und jenen des Kindes trennt, durchdringen können, so dass das Ungeborene in kurzer Zeit über die Nabelschnur den gleichen Alkoholpegel erreicht wie seine Mutter. Die Mutter baut den Alkohol jedoch zehnmal schneller ab als der Embryo oder Fötus. Ein Embryo hat keine und ein Fötus nur geringe eigene Möglichkeiten zum Abbau von Alkohol, da die dafür notwendigen Enzyme nur sehr begrenzt und teils erst Wochen nach der Geburt vorhanden sind.

Studien zufolge trinken zwölf bis 15 Prozent der Schwangeren mindestens einmal pro Monat Alkohol. Nach Schätzungen von Experten der Berliner Charité kommen wegen Alkoholkonsums ihrer Mütter jährlich zwischen 4000 und 10 000 Kinder mit teils schweren körperlichen und geistigen Schäden zur Welt.

Original-Artikel "Klüger, weil Mama getrunken hat?"

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Auszeichnung für Joachim Dudenhausen



03.11.2010, Ärztezeitung.de:

BERLIN - Professor Joachim Dudenhausen, ehemaliger Leiter der Klinik für Geburtsmedizin der Charité - Universitätsmedizin Berlin, ist für seine Verdienste um die Perinatale Medizin mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden.

Der Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin, Prof. E. Jürgen Zöllner, überreichte ihm die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland. 1943 in Werdohl/Westfalen geboren, studierte Dudenhausen Humanmedizinin Mainz und Berlin.
Nach beruflichen Stationen in Berlin und Zürich leitete er ab 1989 die Klinik für Geburtsmedizin am Campus Virchow-Klinikum. 2004 übernahm er zusätzlich die Leitung der geburtsmedizinischen Klinik am Campus Benjamin Franklin und 2007 noch die Klinik für Geburtsmedizin am Campus Charité Mitte.

Dudenhausen wurde 2008 zum Ärztlichen Leiter des CharitéCentrums für Frauen-, Kinder- und Jugendmedizin mit Perinatalzentrum und Humangenetik ernannt, teilt die Charité mit. Er engagierte sich hochschulpolitisch im Fakultätsrat, als Prodekan und von 2001 bis 2004 als Dekan der Charité.

?berdies ist er seit langem Vorsitzender der "Stiftung für das behinderte Kind". Seit seiner Entpflichtung als Professor am 31. März 2010 hat Dudenhausen eine Gastprofessur an der Cornell University New York inne.

Original-Artikel "Auszeichnung für Joachim Dudenhausen"

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Gefährliche Tipps: Alkohol, Koffein für Schwangere



14.09.2010, Kurier

Empfehlungen für den Konsum von Alkohol und Koffein auf einer offiziellen Webseite sorgen für Aufregung. Die Verantwortlichen lenken ein.
Sind moderater Alkoholkonsum und acht Dosen Cola am Tag für Schwangere okay? Ja, wenn es nach der Webseite www.richtigessenvonanfangan.at geht (siehe Link unter dem Artikel). Das Gemeinschaftsprojekt von Gesundheitsministerium, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger bietet auf der Seite die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Ernährungstipps für Schwangere und Kleinkinder an.

So stieß der KURIER bei den Informationen für Fachexperten auf folgende Aussage: "Bei moderatem Alkoholkonsum während der Schwangerschaft konnten keine adversen Effekte wie Fehlgeburt, Totgeburt, beeinträchtigtes Wachstum und beeinträchtigte Entwicklung, Geburtsgewicht, Frühgeburt, Missbildungen und Krebsentstehung festgestellt werden."

Das widerspricht führenden Ärzten, die vor jedem Gläschen Alkohol in der Schwangerschaft warnen: "Es ist unverantwortlich, das so zu schreiben, weil sich jeder die Grenzen so setzen kann, wie er es gerade braucht", kritisiert Kinderarzt Prof. Hans-Jürgen Spohr vom Beratungszentrum für Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom an der Berliner Charité. "Da wir nicht genau wissen, wann und wie stark Alkohol wirkt, sollten Schwangere auf jedes Glas verzichten."

Schädigung

Genauso sieht das Univ.-Prof. Wilhelm Müller von der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz: "Das Baby hat nach zehn Minuten genauso viel Alkohol im Blut wie die Mutter. Der arme Fötus kann das Zellgift aber nicht abbauen. Die Schädigung muss ja nicht zu 100 Prozent sein, aber man will ja auch keine Intelligenzminderung um zwei bis drei Prozent riskieren."

Im schlimmsten Fall kommt es zum Fetalen Alkoholsyndrom (FASD). Dazu gehören Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung bis hin zu körperlichen Fehlbildungen. Spohr berichtet von einer ernüchternden Langzeitstudie: 70 Prozent der stark betroffenen FASD-Kinder konnten als Erwachsene nicht ohne Betreuung leben. Neun von zehn hatten keinen Job.

Vier Energy-Drinks

Auf der Webseite heißt es auf Basis von Daten der britischen Food Standards Agency weiter, dass Schwangere ihren Koffeinkonsum auf 300 mg pro Tag beschränken sollten: "Diese Menge entspricht unter anderem durchschnittlich drei Tassen Kaffee, sechs Tassen Tee, acht Dosen Cola-Getränken und vier Dosen Energy-Drinks pro Tag."
"Diese Menge ist schon aus gesundem Menschenverstand nicht zuträglich", sagt Spohr. Wegen des hohen Vitamin-A-Gehalts sollten Schwangere gar keine Energy-Drinks trinken, sagen Ernährungs-Experten.

Der KURIER konfrontierte die Verantwortlichen mit den bedenklichen Empfehlungen: "Das ist die aktuelle Studienlage, aber da habe ich auch kein gutes Gefühl dabei", gesteht AGES-Sprecherin Univ.-Doz. Ingrid Kiefer ein. Man sei bemüht, die Dinge genau zu recherchieren, aber bei acht Dosen Cola müsse man bedenken, was da an Zucker aufgenommen wird. "Wir schauen uns das nochmal genau an. Man muss diese Punkte sicher klarer ausformulieren, damit das nicht missverstanden werden kann."

Original-Artikel "Gefährliche Tipps: Alkohol, Koffein für Schwangere"

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Schaden für das Kind - Ärzte warnen vor Alkohol in der Schwangerschaft



10.09.2010, 3sat

"Alkohol schädigt das Gehirn von der ersten Woche bis zur Geburt", betont der Kinderarzt Prof. Hans-Ludwig Spohr von der Berliner Charité.

Das Spektrum der Beeinträchtigungen reicht von leichten Konzentrationsproblemen bis zu starken Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung, Wachstumsstörungen und Gesichtsfehlbildungen. "Da wir nicht genau wissen, wann und wie stark Alkohol in der jeweiligen Phase der Schwangerschaft wirkt, sollten Frauen auf jedes Glas verzichten, sobald sie wissen, dass sie schwanger sind", warnt Spohr.

Trinkt eine Frau am Anfang der Schwangerschaft, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Gaumenspalte, ein Herzfehler und andere organische Dinge auftreten. Trinkt, die Mutter aber am Schluss der Schwangerschaft, sind die Kinder körperlich nicht mehr auffällig. Dann entwickelt sich einzig noch das Gehirn und sie bekommen schwere Verhaltensstörungen."

"Mittlerweile liegen Langzeitdaten vor. Die sind ernüchternd. Aus stark Alkohol-geschädigten Kindern werden Erwachsene, die selten mit dem Leben klar kommen. Und junge Männer haben es besonders schwer", sagt Spohr. Die Kinder leiden oft unter Ängsten, behalten Gelerntes kaum und können ihren Alltag nicht strukturieren, schildert Spohr. "Sie können Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen und machen Fehler, die sie nicht begreifen." Andere sind aggressiv und werden häufiger kriminell. 70 Prozent könnten als Erwachsene nicht ohne Betreuung leben. 30 Prozent lebten allein oder in einer Partnerschaft. Neun von zehn waren ohne Job.

Pflegeeltern haben häufig Schuldgefühle

Besonders gravierend ist das Problem in vielen Pflegefamilien: Eltern haben Kinder aufgenommen, die im Mutterbauch "mittrinken" mussten und die den leiblichen Eltern aus anderen Gründen vom Jugendamt entzogen wurden, ohne dass über den Alkoholmissbrauch Kenntnis bestand. "Die Diagnose wird so gut wie nie direkt nach der Geburt gestellt, sondern manchmal erst Jahre später, wenn die Pflegeeltern verzweifelt zu uns kommen, weil sie sich nicht mehr zu helfen wissen", sagt Spohr. Oft müsse dann in Detektivarbeit über die Jugendämter die Geschichte der Mutter eruiert werden.

Eine Therapie für angeborene Hirnschäden gibt es nicht, aber: "Für die Pflegeeltern ist die Diagnose schon eine Therapie", sagt Spohr. "Sie fühlen sich nicht mehr schuldig, dass sie ein Pflegekind genommen haben und unfähig sind es zu erziehen." 95 Prozent alkoholgeschädigter Kinder leben in Pflegefamilien, weil ihre leiblichen Eltern sie vernachlässigten.

Es gebe verschiedene Therapieansätze, um je nach Ausprägung der Behinderung den Alltag besser zu bewältigen: So hätten viele Kinder trotz eines normalen Intelligenzquotienten große Schwierigkeiten, in einer Regelschule mitzukommen, weil Konzentrations- und Merkfähigkeit gering seien. Auch Rechts- und Unrechtsbewusstsein ist nach Erfahrungen von Spohr manchmal kaum vorhanden. "Die Kinder brauchen oft einen extrem festgefügten Rahmen, kleine Klassen, manchmal sogar Eins-zu-Eins-Betreuung."

Zusammen mit dem Gynäkologen Prof. Joachim Dudenhausen leitet Spohr an der Berliner Charité eines der wenigen Beratungszentren für Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom (FASD) in Deutschland. Initiator ist die "Stiftung für das behinderte Kind". Dort versuchen die Ärzte zunächst, die Schädigung in einem aufwendigen Testverfahren zu diagnostizieren. "Es gibt mittlerweile dazu ein verlässliches Vier-Punkte-Untersuchungsprogramm", sagt Spohr, der seit über 20 Jahren mit Alkohol-geschädigten Kindern arbeitet.

10.000 Kinder jedes Jahr in Deutschland betroffen

Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft ist in Deutschland die häufigste Ursache für körperliche und geistige Schäden bei Kindern. Das berichtete die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und riet werdenden Müttern, ganz auf Alkohol zu verzichten. Die Zahlen schwanken zwischen 3000 und 10.000 vom Fetalen Alkohol-Syndrom (FAS) betroffenen Kindern in Deutschland pro Jahr. Alkohol führt in 2000 Fällen zu schweren Störungen. Dazu zählen Gesichtsfehlbildung, Wachstumsstörungen im Mutterleib und auch nach der Geburt oder starken Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung. Für Österreich und die Schweiz wird die Zahl auf jeweils 700 bis 800 Fälle geschätzt.

Studien zufolge trinken dennoch 12 bis 15 Prozent der werdenden Mütter einmal oder mehrfach im Monat Alkohol. Es sollte "uneingeschränkt ein absoluter Alkoholverzicht" gelten, betonte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott. Auch die Techniker-Krankenkasse (TK) warnte, dass schon kleinste Mengen Alkohol in jeder Schwangerschaftsphase gefährlich seien. "Es gibt kein unbedenkliches Gläschen in Ehren", sagte TK-Ärztin Andrea Hoppe. "Den Frauen muss klar sein: Jeder Schluck Alkohol ist Gift für das Kind."

Den Film zu diesem Artikel können Sie hier sehen: Film "Schaden für das Kind"

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Janosch* ist behindert, weil seine Mutter getrunken hat



10.09.2010, BILD

Berlin – Er war noch nicht geboren und schon zum Scheitern verurteilt. Schuld ist der Alkohol, den Janosch* nicht getrunken hat.

Der Junge ist 5, doch mindestens ein Jahr zurück. Er schreit, tobt, ist ständig krank. Er macht es seiner Pflegemutter nicht leicht. Doch Katrin Büchner* (44) weiß, dass er nichts dafür kann. Janosch ist behindert, leidet unter dem Fetalen Alkoholsyndrom (FASD).
Seine richtige Mutter war minderjährig. Rauchte, trank viel Alkohol. Erst im 6. Monat erfuhr sie von dem Baby. Da war es zu spät.

?Alkohol schädigt die Gehirne von Babys im Mutterleib“, erklärt Dr. Heike Hoff-Emden (49), Kinderärztin im FASD-Zentrum der Charité. „Er zerstört Nervenzellen unwiderruflich.“ Als Erwachsene finden 9 von 10 keinen Job, haben psychische Probleme, werden oft selbst zu Eltern, die trinken.

Janoschs Mutter gab das Sorgerecht ab. Jetzt kümmert sich Katrin Büchner liebevoll um ihn. „Es ist eine große Belastung“, sagt die Erzieherin. „Er braucht einen ganz routinierten Alltag. Urlaub ist anstrengend, Babysitter unmöglich.“ Mit 5 können andere bis 100 zählen, ihren Namen schreiben. Janosch nicht. In der Kita ist er hibbelig, schlägt um sich, wird ausgegrenzt. Janosch steht vor seiner Pflegemama und will Spielzeug. „Geh raus in den Flur“, sagt sie, „in den Schrank, oberste Schublade.“ Janosch geht. Und kommt ohne Spielzeug wieder. Er hat vergessen, was er tun sollte.
* Namen geändert

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Tag des alkoholgeschädigten Kindes



09.09.2010, ZDF

Zum Tag des alkoholgeschädigten Kindes am 09. September 2010 brachte das Morgenmagazin im ZDF einen Beitrag, in dem Prof. Dr. Hans-Ludwig Spohr erklärt, wie Alkohol das ungeborene Kind im Mutterleib schädigen kann. Den Beitrag können Sie hier ansehen:

Film "Mediziner: Alkohol schädigt den Fötus?

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Die zweite Chance



09.09.2010, Berliner Morgenpost

Von Christine Eichelmann

Wenn Schwangere trinken, kann das für ihre Kinder schwerwiegende Folgen haben. Alkoholgeschädigte Kinder haben meist bleibende Behinderungen und brauchen Unterstützung

Das Erste, was Rita Albrecht* an Simon* auffiel, war, wie erschreckend fidel der Kleine schien. Ohne Unterlass rannte der Eineinhalbjährige durch die Wohnung, kasperte und lachte. Licht an, Licht wieder aus. Tür auf, Tür zu. "Es war kaum zu ertragen", erinnert sich die 51-Jährige und schüttelt noch heute den Kopf über diese ersten Tage mit ihrem Pflegekind. Rita Albrecht hatte schon einen eigenen Sohn, als sie Simon zu sich nahm. Über seine Herkunftsfamilie wusste sie wenig mehr, als dass das Baby dort meist sich selbst überlassen war. Auch in einer Kurzzeit-Pflegefamilie hatte der Junge keine Zuneigung erfahren. "Mir war klar, dass er Traumata mitbrachte. Aber ich dachte, wenn ich ihm nur genug Liebe schenke, kann ich das ausgleichen." Heute, elf Jahre später, nach unzähligen Terminen bei Ärzten, Psychologen und Therapeuten, weiß Rita Albrecht: Heilbar ist das, was Simons Leben erschwert, nicht. Denn seine Chance auf normale Entwicklung wurde zunichte gemacht, bevor er überhaupt zur Welt kam.

Alkoholembryopathie oder auch Fetales Alkoholsyndrom (FASD) heißt die geistige und emotionale Behinderung, die bei Simon - wie bei geschätzt 3000 bis 4000 Neugeborenen jährlich in Deutschland - durch den Alkoholkonsum der Mütter in der Schwangerschaft verursacht wurde. Damit sind die unter FASD zusammengefassten Hirnschäden häufiger als genetisch bedingte Behinderungen wie das Downsyndrom. Allerdings: Anders als Erbkrankheiten wäre FASD komplett vermeidbar - woran der heutige Internationale Tag des alkoholgeschädigten Kindes erinnert.

Richtige Diagnose erst nach Jahren

Wie viel Geduld die Alkoholschädigung den Eltern betroffener Kinder abverlangt, "das kann man erst ermessen, wenn man es erlebt", sagt Sabine Wöbke*. Die gebürtige Berlinerin sitzt in Rita Albrechts Wohnzimmer und tauscht mit ihr Erfahrungen aus. Seit Kurzem erst existiert die FASD-Selbsthilfegruppe, die sich einmal im Monat trifft. Anders als die anderen Gruppenmitglieder, kannte Wöbke als Sozialarbeiterin die Mutter ihrer Pflegesöhne Peter* (6) und Benedikt* (4) ebenso wie deren Lebensumstände. "Ich wusste, das wird eine harte Nummer", sagt die resolute 45-Jährige. Was dann kam, war trotzdem noch viel schwieriger als erwartet. Selbst in ihrer Geburtsstadt Berlin - neben Münster der einzige Ort, wo es spezielle FASD-Beratungs- und Untersuchungszentren gibt - dauert es oft Jahre bis zur richtigen Diagnose. "Von der Symptomatik wie von der Anamnese her ist diese oft schwierig", sagt die Kinderärztin Heike Hoff-Emden vom FASD-Zentrum der Charité. Bei niedergelassenen Ärzten finde das Thema aber zunehmend Beachtung. Auch Nicole und Ludger Jansen* hatten mit Adoptivsohn Joschka* schon vieles probiert, als sie einen Faltzettel des Kinderheims Sonnenhof in die Hände bekamen. Die Spandauer Einrichtung betreut speziell alkoholgeschädigte Kinder. In dem Flyer fand Nicole Jansen Hinweise auf typische Gesichtsmerkmale der Kinder. Sie kramte frühe Fotos von Joschka hervor und erschrak fast, wie genau manches zutraf. "Bei einigen Bildern dachte ich spontan, die mag ich dem Arzt gar nicht zeigen", bekennt die 53-Jährige.

Im Kinderheim Sonnenhof wurde 2007 eine FASD-Beratung gegründet, die seit Januar 2010 ans Virchow-Klinikum in Wedding gezogen ist. Am FASD-Zentrum für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden betreuen Kinderärzte und Psychologen Eltern mit ihren Kindern, übernehmen die Diagnose und beraten bei der Therapie. Tatsächlich hilft die Diagnose nicht nur den kleinen Patienten, die dadurch spezielle Therapien erhalten können. "Anfangs habe ich mich oft gefragt, warum werden die Dinge nicht leichter", sagt Rita Albrecht. Positive Entwicklungen kann sie erst richtig wahrnehmen, seit sie mit der Diagnose auch weiß, dass vieles sich einfach nicht ändern lässt - die Aufmerksamkeitsdefizite nicht und auch nicht die aggressiven und teils autoaggressiven Ausbrüche, die Lernschwierigkeiten ebenso wenig wie die Unfähigkeit, Stimmungen und Launen anderer zu deuten und entsprechend zu reagieren. Aber auch nicht die Verlustängste und die Verletzungen, die der Zusammenprall mit der Gesellschaft oft hervorruft.

Es sind die ganz kleinen Schritte, die einen Sprung nach vorn bedeuten. "Ich habe mich jeden Tag über die Klettverschlüsse gefreut", sagt Sabine Wöbke. Mit ihnen konnte Peter endlich, nach einer ganzen Sommersaison des Übens, allein seine Schuhe zumachen. Bis mit dem Herbst auch neue Schuhe kamen. Wieder mit Klettverschlüssen. "Als er die ausziehen sollte, schüttelte er den Fuß und wunderte sich, warum der Schuh nicht abfiel", erzählt seine Pflegemutter. Mit dem alten Schuhwerk war auch jede Erinnerung an die Benutzung von Klettverschlüssen verschwunden. "Jetzt fange ich eben wieder von vorne an", sagt Wöbke achselzuckend.

Singen statt schimpfen

Schwer macht es den Eltern oft genug auch ihre Umgebung. Fremde reagieren leicht mit Unverständnis, weil auf Ausbrüche der Kinder nicht die erwartete Maßregelung folgt. Wenn Peter seine Pflegemutter nach der Kita erst mal eine halbe Stunde lang wüst beschimpfte, bespuckte und schlug, weil der Vormittag für ihn eigentlich schon viel zu viel war, und sie ihn dann, wenn er endlich völlig abgekämpft war, in den Arm nahm, "dann konnten das andere Eltern einfach nicht begreifen", sagt Sabine Wöbke. "Aber ich kann ihm doch nicht böse sein, das wäre einfach unfair. Er will mich ja nicht ärgern, das ist ein totaler Kontrollverlust."
Erziehungsmittel wie Schimpfen oder Strafen bewirken bei FASD-Patienten ohnehin wenig. "Anordnungen oder ein Verbot werden einfach nicht abgespeichert", hat Ludger Jansen selbst mühsam begreifen müssen. Dafür kann pädagogischer Erfindungsreichtum manchmal eine Bresche schlagen. So erlebte im Kinderheim Sonnenhof ein Erzieher, dass einer seiner Schützlinge Anweisungen leichter behielt, wenn sie ihm vorgesungen wurden.

In Wöbkes Badezimmer hängen Fotoreihen, die Peter und Benedikt zeigen, wie man das Gesicht wäscht oder die Zähne putzt. "Bei uns läuft ganz viel über Bilder", sagt sie. Gemalte Hinweise am Kühlschrank ersparen so die ständige Wiederholung, dass Eis nur bei Sonnenschein und nicht abends gegessen wird. Was für die Kinder vor allem zählt, ist aber die Gewissheit, einfach geliebt zu werden. "Bei allen Schwierigkeiten, wir haben das beste Kind der Welt", sagt Nicole Jansen. Und auch Rita Albrecht und Sabine Wöbke sorgen sich um die Zukunft "ihrer" Jungen. Denn nur zwölf Prozent der FASD-Patienten können als Erwachsene ein eigenständiges Leben führen. Heike Hoff-Emden von der Charité fordert deshalb eine behördliche Anerkennung von FASD als lebenslanger Behinderung.
*Die Namen wurden von der Redaktion geändert

Original-Artikel "Die zweite Chance"

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Alkoholindustrie finanziert Aufklärungskampagnen für Schwangere



07.07.2010, Tagesspiegel

Eine Einrichtung im Virchow-Klinikum will Schwangere vom Trinken abhalten – mithilfe der Alkoholbranche. Kritiker sprechen von einem Glaubwürdigkeitsproblem.
Von Daniela Martens

?Mein Kind will keinen Alkohol“ – das stand bis vor kurzem auf zwei übergroßen Plakaten am Virchow-Klinikum der Charité. Unter dem Slogan ist eine Art Verbotsschild mit Piktogramm zu sehen: Eine durchgestrichene Schwangere, die ein Glas hochhält. Die Plakate hingen dort auf Initiative der Stiftung für das behinderte Kind. Sie ist Träger des Zentrums für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden, auch FASD-Zentrum genannt. FASD steht für „fetales Alkohol-Syndrom“, die Behinderung, mit der Kinder von Müttern geboren werden, die in der Schwangerschaft zu viel Alkohol getrunken haben. Wie viel zu viel ist, weiß niemand. Das sagen Ärzte wie Joachim Dudenhausen, der das FASD-Zentrum leitet. Er hat zwei Aufklärungskampagnen gegen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ins Leben gerufen.
Finanziert werden beide Kampagnen und die Arbeit des Zentrums zu großen Teilen von der Alkoholindustrie, vom Deutschen Brauereibund und vom Spirituosenhersteller Pernod Ricard. Rund 35 000 Euro habe das Zentrum von der Alkoholindustrie erhalten, sagt Dudenhausen. Das stößt auf Kritik: „Ich finde, es ist eine unglückliche Mischung, die Verursacher mit ins Boot zu holen“, sagt Stefanie Winde, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD. Sie und andere Gesundheitsexperten sprechen von einem Interessenkonflikt: „Das ist eine Form der Eigenwerbung, wenn auch eine indirekte.“

Auf den Plakaten findet sich zwar kein Hinweis auf Pernod. Doch wird das Piktogramm von den Postern auch auf Etiketten von Pernod-Flaschen gedruckt – sehr klein und ohne Erklärung. „Das Piktogramm ist alles andere als eindeutig – man könnte es auch als ,Stopp Schwangerschaft‘ lesen“, sagt Raphael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Fachleute wie er fordern seit langem ein Gesetz, das Alkoholhersteller zu Gefahrenhinweisen auf den Flaschen verpflichtet – wie auf Zigarettenpackungen.

Beteiligung an Aufklärungskampagnen verhindert weitere Verpflichtungen

Doch gerade mit der Finanzierung von Kampagnen wie denen des FASD-Zentrums versuchten die Alkoholhersteller solche Regelungen zu verhindern, sagen Kritiker. Und zwar bislang mit Erfolg. Sogar Bettina Wulff, Ehefrau des Bundespräsidenten, unterstützt die Kampagne und Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ist Schirmherrin der zweiten: Unter dem Motto „0,0 Promille in der Schwangerschaft“ soll Informationsmaterial an Frauenärzte verteilt werden – gemeinsam mit dem Brauereibund. Die Website, auf der das FASD-Zentrum über diese Kampagne berichtet, bietet dem Präsidenten des Brauerbundes, Wolfgang Burgard, eine Plattform, sich gegen Warnhinweise auf Flaschen für Schwangere auszusprechen: „Wir sehen keine Notwendigkeit in weiteren Verboten“.

?Kampagnen in Zusammenarbeit mit den Herstellern haben immer ein Glaubwürdigkeitsproblem“, sagt Suchtexperte Gaßmann. Die Hauptstelle für Suchtfragen hat Leitlinien zu Präventionskampagnen herausgegeben, in denen sie von solchen Kooperationen abrät. Dudenhausen vom FASD-Zentrum sieht das anders: „Keineswegs verliert die Stiftung oder das Zentrum an Glaubwürdigkeit.“ Denn es gebe keine „inhaltliche Beeinflussung der Stiftungsarbeit oder der Zentrumsarbeit“ durch die Alkoholindustrie. „Eine Produktwerbung findet nicht statt. Das Eintreten der Alkoholindustrie für alkoholfreie Bereiche wie die Schwangerschaft findet die Unterstützung der Stiftung für das behinderte Kind.“

Vom Charité-Vorstand heißt es dagegen: „Das Sponsoring einer Anti-Alkoholkampagne durch die Alkoholindustrie stellt keine überzeugende Strategie dar.“ Auch seien die Kampagnen mit Pernod Ricard und dem Brauerbund nicht mit dem Charité-Vorstand abgesprochen. Das FASD-Zentrum ist zwar in den Räumen des Virchow-Klinikums der Charité angesiedelt, und Dudenhausen war bis zu seiner Emeritierung vor einigen Monaten Leiter der Geburtsmedizin dort. Es gehört aber offiziell nicht zur Charité. Trotz der Kritik betont die Charité-Leitung, das FASD-Zentrum sei eine wichtige Einrichtung und leiste ansonsten gute Arbeit.

Ebenso sieht es SPD-Gesundheitspolitikerin Winde. Sie habe Dudenhausen vor zwei Jahren dringend davon abgeraten, mit Alkoholherstellern zusammenzuarbeiten. „Es gibt ja immer diese Argumentation, die öffentliche Hand stelle nicht genug Mittel zur Verfügung. Aber in diesem und im nächsten Jahr sind je 50 000 Euro im Haushalt für Präventionsarbeit vorgesehen.“

Original-Artikel "Alkoholindustrie finanziert Aufklärungskampagnen für Schwangere"

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Schwanger? Hände weg vom Alkohol!



09.06.2010, RBB

Filmbeitrag: Ursula Stamm
Infotext: Constanze Löffler

Was früher tabu war, gilt heute längst nicht mehr für alle. Jede zweite Schwangere trinkt gelegentlich oder auch öfter Alkohol. Mitunter raten sogar Ärzte bei Schlafstörungen oder niedrigem Blutdruck zu einem "Gläschen in Ehren".

Das ungeborene Kind trinkt jedes Mal mit, wenn die Mutter einem Glas Wein nicht widerstehen kann. Die Folgen können verheerend sein. Über die Plazenta (Mutterkuchen) gelangt der Alkohol in den Blutkreislauf des Kindes und entfaltet seine giftige Wirkung: bei der Entwicklung wichtiger Organe und vor allem am Gehirn. So werden jedes Jahr 3000 bis 4000 Kinder mit einer geistigen Behinderung geboren. Einem Teil dieser Kinder sieht man die Alkoholschäden auf den ersten Blick an: kleiner Körperwuchs, ein kleiner Kopf, veränderte Gesichtszüge. Außerdem leiden viele an einem Herzfehler. Andere Kinder erscheinen dagegen zunächst unauffällig. Das erschwert es Eltern und Ärzten, einen Zusammenhang zwischen den Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten des Kindes und dem Genuss von Alkohol in der Schwangerschaft herzustellen.

Klare Grenzen, wie viel Alkohol in der Schwangerschaft welche Folgen für das ungeborene Kind hat, gibt es nicht. Eine Frau muss keinesfalls in Panik verfallen, wenn sie geringe Mengen Alkohol getrunken hat, solange sie von der Schwangerschaft nichts wusste. Aber ist diese bekannt, ist es am sichersten, ganz zu verzichten.
Die "Stiftung für das behinderte Kind“ der Berliner Charité möchte jetzt mit der Kampagne "Mein Kind will keinen Alkohol“ die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren. Neben dem Anliegen, das Thema einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, bietet das Projekt konkrete Hilfsangebote: So beraten Ärzte und Hebammen in einer Spezial-Sprechstunde in der Charité Schwangere mit Alkohol- und Suchtproblemen. Familienhebammen kommen zu diesen Frauen nach Hause und bieten eine Vorort-Betreuung an. Ein seit Jahrzehnten mit der Problematik befasster Kinderarzt berät und untersucht Kinder, die möglicherweise ein fetales Alkoholsyndrom erlitten haben.

Die Kampagne wendet sich vor allem an Frauen, die trotz Schwangerschaft ab und zu Alkohol trinken und die Gefahr des Zellgiftes unterschätzen. Doch die Mediziner der Charité haben auch ihre Kollegen im Blick: Denn es sind immer wieder Ärzte, die Schwangeren zu einem Glas Prosecco raten, wenn diese etwa Einschlafprobleme haben oder unter einem niedrigen Blutdruck leiden. Dabei sollten gerade die Ärzte das ungeborene Leben schützen. Allein das Kind muss später mit den Folgen ein Leben lang zurecht kommen.

Den Film zu diesem Artikel können Sie hier ansehen: Film "Schwanger? Hände weg vom Alkohol!"

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Nabelschnur und Zeitgeist - Charité-Geburtshelfer Dudenhausen geht



01.04.2010, Tagesspiegel

Von Adelheid Müller-Lissner

Dass ein Baby die Festreden mit Brabbellauten kommentierte, wirkte in diesem Fall sehr passend: Schließlich wurde am gestrigen Mittwoch in der Charité der Abschied des Gynäkologen und Geburtshelfers Joachim Dudenhausen begangen, der in den letzten vier Jahrzehnten Zigtausenden von Berlinern auf die Welt geholfen hat. An der Charité leitete er zuletzt die Geburtskliniken mehrerer Klinikstandorte, viele Jahre war er Mitglied des Fakultätsrats, von 2001 bis 2004 engagierte er sich als Dekan. "Unaufgeregt, souverän und mit großer Ruhe" habe er alle Aufgaben wahrgenommen, attestierte ihm in ihrer Abschiedsrede Dekanin Annette Grüters-Kieslich.

Dudenhausen wurde 1943 in Westfalen geboren, seinen im Krieg gefallenen Vater durfte er nicht kennenlernen. Im Laufe seines Berufslebens hat Dudenhausen einige Trends und Moden erlebt. Als er begonnen habe, sei seine Disziplin eher eine "mechanistisch-operative Tätigkeit" gewesen, die sich mehr der Mutter widmete als dem Kind, so berichtete er in seiner Vorlesung zum Thema "Geburtshelfer und Zeitgeist". "Der große Wandel begann mit meinem Lehrer Erich Saling vom Krankenhaus Neukölln, der Mitte der 60er Jahre das Kind in den Mittelpunkt rückte", sagte Dudenhausen.

Als Erfolg wertet Dudenhausen die Renaissance des Stillens seit Ende der 70er Jahre. Auch dass die Väter heute meist im Kreißsaal dabei sind, ist eine Entwicklung, die seinen Beifall findet, obwohl sich in den letzten Jahren erste kritische Stimmen meldeten. Problematischer ist in seinen Augen die Zunahme der Kaiserschnitte. Ob eine Schnittentbindung bei der Beckenendlage sicherer ist, darüber werde noch gestritten. Dudenhausen warnte, jedem Trend zu folgen und "das Kind mit dem Bade auszuschütten". Ratsamer sei es, als Geburtshelfer den Zeitgeist selbst zu beeinflussen.
?hnlich besonnen setzt er sich als Vorsitzender der Stiftung für das behinderte Kind dafür ein, dass die moderne Pränataldiagnostik nicht zu "reflexhaften Mechanismen des Denkens" in Richtung Schwangerschaftsabbruch führt.

Als Präsident des 9. Weltkongresses für Perinatale (rund um die Geburt angesiedelte) Medizin zeigte Dudenhausen 2009 in Berlin, dass ihm der Zugang der Frauen zur Gesundheitsversorgung in allen Ländern der Welt ein besonderes Anliegen ist. Nun wird er mit seiner Frau nach New York ziehen. Er werde es dort nicht lang aushalten, vermutet die Dekanin Grüters-Kieslich. " Jeder Versuch, den Herausforderungen Berlins zu entkommen, war ja für ihn bislang zwecklos."

Original-Artikel "Nabelschnur und Zeitgeist"

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Vollrausch im Mutterleib



29.03.2010, Tagesspiegel

Von Daniela Martens

Nein, die Ringelmütze mag sie jetzt nicht. Jenny* sitzt in ihrem Kinderwagen, windet sich und guckt aus schmalen Augen starr in die Luft. Ihr Gesicht ist besonders niedlich, aber ausdruckslos. Schließlich schafft es ihre Pflegemutter, den kleinen Kopf zu bedecken und sagt: „Jenny ist zwei Jahre alt, aber erst so weit entwickelt wie ein neun Monate altes Baby.“ Weil sie wusste, dass Jennys leibliche Mutter Alkoholikerin ist, hat die Pflegemutter ihren Schützling zur Untersuchung ins Zentrum für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden der Charité gebracht.

Die Einrichtung wurde erst vor kurzem auf dem Gelände des Virchowklinikums in Wedding eröffnet. Dort untersucht Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr auffällige junge Patienten. Spohr, der bis 2005 die DRK-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Westend leitete, beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema. Er sieht oft mit einem Blick, was mit den Kindern nicht stimmt. Über Jenny sagt er: „Sie wirkt wie eine Käthe-Kruse-Puppe – das ist das typische Alkoholgesicht“: ein besonders kleiner Kopf, sehr schmale kleine Augen, der Abstand zwischen Mund und Nase ist viel größer als bei anderen Kindern und die Oberlippe kaum ausgeprägt.

Der Alkohol, den Jennys Mutter während der Schwangerschaft trank, hat Gehirn und Körper des Kindes schon im Mutterleib geschädigt. „Fetales Alkohol-Syndrom“ (FAS) nennt man das in besonders schweren Fällen, denen man es ansieht. Wie Jenny. Manchmal kommt noch ein Herzfehler hinzu. Bei anderen Kindern, die ins Zentrum kommen, ist die Schädigung nicht ganz so ausgeprägt. Bei ihnen spricht man allgemein von „Fetalen Alkohol-Spektrum-Störungen“ (FASD). Auch ihr Wachstum ist verzögert, ihre geistige Entwicklung gestört.
Bei bis zu 4000 Kinder wird jedes Jahr in Deutschland ein Alkoholschaden diagnostiziert, davon leben etwa 200 in Berlin. Aber die Dunkelziffer sei hoch, sagen Spohr und sein Kollege Joachim Dudenhausen, Direktor der Kliniken für Geburtsmedizin der Charité. „Man weiß gar nicht, bei wie vielen Kinder das der Grund für eine Lernbehinderung ist“, sagt Spohr. „Die Gesellschaft hat noch nicht mitbekommen, dass es ein Problem gibt“, ergänzt Dudenhausen. Bei einer Umfrage unter Schwangeren in Berlin hatten neun Prozent der Teilnehmerinnen zugegeben, dass sie Alkohol getrunken hätten. „Man weiß nicht, wie viel Alkohol tatsächlich zu viel ist“, sagt Spohr.

Deshalb plädiert er für „die Null-Option“: Überhaupt keinen Alkohol. Viele Frauen wüssten noch nicht ausreichend über die Gefahren Bescheid, andere verleugneten ein Alkoholproblem. Aber leibliche Mütter suchen kaum Spohrs Rat. „95 Prozent der Kinder, die zu uns kommen, leben bei Pflegeeltern“, sagt er. Sie sind ihren Müttern wegen „Vernachlässigung“ vom Jugendamt weggenommen worden. Viele Pflegeeltern wüssten nicht, worauf sie sich einließen: „Der Alkohol wird von Jugendämtern oft nicht thematisiert“, sagt Spohr. Auch Ärzte würden bei weniger ausgeprägten Formen oft nicht an die richtige Diagnose denken.

Meist kämen die Pflegeeltern erst über eine Internetrecherche auf die richtige Idee und in Spohrs Sprechstunde. Viele machten sich Vorwürfe, dass sie ihre Schützlinge falsch behandeln. Vor allem wenn das Kind älter und die Behinderung immer deutlicher wird. „Die Diagnose ist wichtig, damit die Pflegeeltern wissen, dass es eine organische Schädigung und kein Erziehungsfehler ist.“ Dann könne man den Kindern mit Logo-, Ergo- und Psychotherapie helfen.

Außerdem sei es wichtig, dass Pflegeeltern ihnen einen besonders durchstrukturierten Alltag böten. Deshalb geht die 18- jährige Vicky * an Wochentagen immer um 22 Uhr ins Bett. Das hat Sabine Gehring* so eingeführt. Sie ist Pflegemutter von zwei Alkohol geschädigten Kindern: Vickys Pflegebruder Ben* ist 12. Sabine Gehring selbst wusste zwar bei beiden von Anfang an, was mit ihnen nicht stimmte. Schwierig sei die Erziehung dennoch: „Besonders Vickys Pubertät war schrecklich, hundert Mal so schlimm wie bei meiner leiblichen Tochter. Wie sie mich beschimpfte, das ging weit über normalen Pubertätsprotest hinaus.“ Eine andere Pflegemutter berichtet von „Attacken“ ihres Schützlings Carsten*: Mit einem spitzen Gegenstand bewaffnet sei er „brüllend wie eine verfolgter Wahnsinniger“ durch Haus und Garten gelaufen.

Jugendliche, deren Gehirn durch Alkohol im Mutterleib geschädigt ist, sind oft sehr aggressiv. Und sie verhalten sich auch sonst sozial auffällig, sagt Dudenhausen: „Ein großer Prozentsatz wird kriminell, weil sie nicht begreifen, wenn sie etwas verkehrt machen.“ Denn oft können sie Zusammenhänge nicht erkennen, die anderen ganz klar sind. Textaufgaben im Matheunterricht etwa stellen Vicky oft vor ein unlösbares Rätsel. Trotz ihrer Lernbehinderung war sie zunächst auf einer normalen Realschule, blieb dort aber zwei Mal sitzen. Heute besucht sie wie ihr Pflegebruder Ben eine Schule für Körperbehinderte. In eineinhalb Jahren wird sie ihren erweiterten Hauptschulabschluss machen. Ihre Pflegemutter glaubt an Vickys Erfolg. „Ob Ben das auch schafft, weiß ich aber nicht.“ Seine Behinderung ist stärker.

Bei Erwachsenen bleibt die Störung weiterhin bestehen, sagt Spohr: 80 Prozent aus beiden Gruppen könnten in keinem normalen Beruf arbeiten. Und 70 Prozent seien nicht in der Lage, allein zu leben. Das hat er in einer Langzeitstudie herausgefunden. Vicky kann sich gar nicht gut vorstellen allein zu leben. „Da kocht Mama ja nicht mehr für mich.“
(* Namen geändert)

Original-Artikel "Vollrausch im Mutterleib"

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An der falschen Flasche



Tagesspiegel, 28.02.2010

Von Hartmut Wewetzer

Die Zeiten sind zum Glück vorbei, als ein Arzt zu einer schwangeren Frau sagte: „Schnaps ist jetzt tabu – erlaubt sind nur noch Bier und Wein!“ Noch vor gut 30 Jahren war so eine Aussage in deutschen Sprechzimmern wohl nicht gar so ungewöhnlich. Heute dürfte sie tabu sein. Denn mittlerweile weiß die Medizin sehr gut, welchen Schaden natürlich auch Bier und Wein im Mutterleib anrichten. Das Problem hat einen Namen: Fetales Alkoholsyndrom.
Kinder, deren Mütter ein Alkoholproblem haben und die während der Schwangerschaft ungehemmt weiter trinken, werden unter Umständen für ihr Leben vom Suff gezeichnet. Damit ist das größte Problem auch schon umschrieben: Der Alkoholschaden im Gehirn des Ungeborenen ist irreversibel. Umso bedeutsamer sind angesichts dieser eher deprimierenden Situation die bescheidenen, aber durchaus vorhandenen Fortschritte bei der Betreuung.

In Deutschland kommen jedes Jahr zwischen 3000 und 4000 Kinder mit einem Alkoholsyndrom zur Welt. 600 bis 1200 haben es in voll ausgeprägter Form, schätzt der Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr von der Berliner Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder. Angesiedelt unter dem Dach der von dem Geburtshelfer Joachim Dudenhausen geleiteten Stiftung für das behinderte Kind, leistet die Beratungsstelle Pionierarbeit, klärt auf und hilft Betroffenen.

Mitunter dauert es Jahre, bis der Alkoholschaden entdeckt wird. Meist lebt das Kind bei Pflegeeltern, ist aus dem bedrohlichen Alkoholikermilieu herausgenommen worden. Am Anfang sieht es nur „putzig“ aus, ein bisschen wie eine Käthe-Kruse-Puppe. Mit auseinander stehenden schmalen Augen und zierlichem Kopf. Aber es ist nicht nur zu klein geraten, sondern fällt auch durch sein Verhalten aus der Rolle, ist unruhig, mitunter aggressiv und versagt in der Schule.

Das Alkoholsyndrom stört empfindlich die seelische, geistige und körperliche Reifung des Kindes. Woran das liegt, wie genau der Alkohol sich im Organismus des Ungeborenen austobt, ist nicht geklärt. Alkohol ist ein Mitosegift, hemmt die Zellteilung. Alles wird zu klein. Auch der Kopf. Auch das Gehirn.

?Sie können als Betreuer nichts dafür“ – oft kann der Kinderarzt Spohr mit diesem Satz die Pflegeeltern entlasten, denn diese quälen sich mit Selbstvorwürfen, geben sich eine Mitschuld am schlechten Gedeihen. Für die Kinder ist ein stabiler sozialer Rahmen, strikte Tagesrhythmen und spezielle schulische Betreuung in kleinen Klassen eine große Hilfe. Und bei hyperaktivem Verhalten ist das viel geschmähte Ritalin nötig.

Auch als Erwachsene sind Alkoholgeschädigte meist nicht selbstständig und in drei von vier Fällen nicht erwerbsfähig. Trotzdem kann man viel erreichen, wie die Berlinerin Heidi Reinhardt sagt, die Kinder mit Alkoholsyndrom betreut. „Sie sind liebenswert und fröhlich. Und sie haben etwas, was anderen oft fehlt: einen starken Lebenswillen und eine große Neugier.“ Deshalb, sagt Frau Reinhardt, brauchen diese Kinder eine Chance. Wenigstens nach der Geburt.

Original-Artikel "An der falschen Flasche"

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Piktogramme fürs Prekariat



29.12.2008, Focus

Von Ulrike Plewnia

Weil erschreckend viele Schwangere rauchen und trinken, will die Bundesregierung nun mit einem Aktionsplan gegensteuern

Mit vier Monaten wog Sinja Gibson knapp 3500 Gramm. Als Kleinkind nahm sie unter großem Geschrei nur Spatzenportionen zu sich. Im Alter von neun Jahren maß das Mädchen aus der Nähe von Kiel ganze 115 Zentimeter. Den Kopf hielt es stets gesenkt, denn die Mitschüler hänselten das kleine, dürre Kind mit dem Sprachfehler als "Affengesicht". Mit 16 scheiterte sie noch immer an einfachen Aufgaben wie fünf minus vier.
Seit sie als Reiterin 2007 bei den Olympischen Spielen der geistig Behinderten zwei Goldmedaillen gewann, gilt Sinja Gibson als Deutschlands bekanntestes FAS-Kind die 20-Jährige leidet am Fetalen Alkoholsyndrom. Und sie weiß, dass sie für immer geistig behindert bleiben wird, weil ihre Mutter in der Schwangerschaft zu viel trank.

Aufklärung tut not, denn die Gefahr von Drogen wie Alkohol und Nikotin, die während der Schwangerschaft das Gehirn des ungeborenen Kindes vergiften, wird noch immer unterschätzt. Trinkende Schwangere riskieren schwere Fehlbildungen bei ihrem Nachwuchs, schlimmstenfalls FAS. Symptome sind entstellende Gesichtsverformungen, Minderwuchs, Störungen des zentralen Nervensystems, geringere Intelligenz.

Mit FAS kommen jedes Jahr in Deutschland 4000 Kinder zur Welt mehr als mit Down-Syndrom. Folge ist oftmals eine lebenslange Betreuung im Heim. Unter Fetalen Alkoholeffekten (FAE) leiden in schwächerer Form jedes Jahr weitere 8000 bis 10000 Neugeborene, deren Schädigung oft falsch diagnostiziert wird.

Dem Alkohol sprechen auch Schwangere aus den höheren Schichten zu, zumindest am Wochenende. Das Rauchen scheint hingegen vor allem ein Problem von werdenden Müttern aus der Unterklasse zu sein. Diese Klientel kümmert nicht, dass Nikotin den Fötus schädigt und zu Wachstumsverringerungen, Atemwegserkrankungen und Allergien führt. Mediziner warnen, herkömmliche Aufklärung pralle an diesen jungen ungebildeten Frauen ab, weil sie keine Bücher oder Broschüren lesen.

Die Sorglosigkeit vieler werdender Mütter erschüttert auch den Gynäkologen Christian Albring. In seiner Praxis in Hannover redet sich der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte "den Mund fusselig, die Finger von Alkohol und Zigaretten zu lassen". Wenn er vom exzessiven Trinken einer Patientin erfährt, vermerkt er den "regelmäßigen Abusus" wie ein "Mahnmal" im Mutterpass.

Um keine Patientin zu verlieren, vermeiden viele seiner Kollegen bei den Vorsorgeuntersuchungen die heiklen Themen Nikotin und Alkohol. Laut einer Stichprobe des Bundesgesundheitsministeriums sprechen nur 58 Prozent der Frauenärzte mit Schwangeren über die Gefahren. "Zu viele scheuen sich noch immer, vor Alkohol zu warnen", ärgert sich die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing. "Dabei besagt die Forschung eindeutig, dass schon kleine Mengen schaden."

Auf den Missstand reagiert Bätzing mit einem "Aktionsplan", den sie Anfang des Jahres vorlegen will. Beraten wird die SPD-Politikerin dabei von drei Experten. Joachim Dudenhausen, Chefarzt der drei Charité-Geburtskliniken in Berlin, gehört dazu. Ihn beunruhigt das "mangelnde Gesundheitsbewusstsein in den niedrigen Schichten". Laut Studien seines Hauses raucht ein Viertel der Frauen trotz Schwangerschaft weiter. Eine Erhebung zum "Rauchverhalten Schwangerer im Landkreis Ostvorpommern" besagt gar, dass lediglich 30 Prozent jener Frauen, die keinen Schulabschluss haben oder nur die Hauptschule absolvierten, bis zur Entbindung das Rauchen aufgeben. So will Bätzing der Industrie nun Piktogramme für das Prekariat abringen also abschreckende Bildchen auf Flaschen und auf Zigarettenpackungen.

Mediziner Dudenhausen fordert auch von der eigenen Zunft, noch klarer über die "fatalen Folgen" einer Mangelentwicklung des Fötus im Mutterleib zu sprechen. Mit präzisen Fragebögen könnten Ärzte dann Alkoholismus und Zigarettensucht besser aufspüren. Er möchte Nikotinabhängigen zudem kostenlose Raucherentwöhnungstherapien anbieten. Für ihn gilt: "Die Kassen müssten das wie Ultraschall und Blutdruckmessen bezahlen." Die Rücksichtslosigkeit der Mütter bezeichnet Dudenhausen, der auch die "Stiftung für das behinderte Kind" leitet, schlicht als "lebenslang wirkende Misshandlung".

So sieht das auch Reiterin Sinja Gibson. Sie flehte ihre Pflegemutter, die später FASworld als Selbsthilfeorganisation gründete, an, "allen zu erzählen, dass sie keinen Alkohol trinken sollen, wenn sie schwanger sind sonst kriegen sie solche Kinder wie mich."

Original-Artikel "Piktogramme fürs Prekariat"

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