Rezension

Lesen Sie hier die im November 2010 erschienene Rezension zur Veröffentlichung des Buches "Adipositas als Risiko in der Perinatalmedizin", herausgegeben von Andreas Plagemann und Joachim W. Dudenhausen.

Buchbesprechung
November 2010

Adipositas als Risiko in der Perinatalmedizin

Herausgeber: Andreas Plagemann und Joachim W. Dudenhausen
Verlag: Springer Medizin © Urban & Vogel 2010, 120 Seiten
ISBN: 978-3-89935-269-6

Das Taschenbuch „Adipositas als Risiko in der Perinatalmedizin“, herausgegeben von Andreas Plagemann und Joachim Dudenhausen, wurde nach einem Symposium der Stiftung für das behinderte Kind gestaltet und gibt einen hervorragenden Überblick über die Risikokonstellation Adipositas und Schwangerschaft. Dazu haben die Herausgeber namhafte und ausgewiesene Experten als Autoren gewonnen.

Wegen der kritischen Konsequenzen für Mutter und Kind stellen die epidemieartigen Häufigkeiten von Übergewicht und Adipositas -etwa ein Drittel der Frauen im gebärfähigen Alter sind übergewichtig - ein großes medizinisches Problem dar. Das detailliert aufgearbeitete Thema wird, strukturiert in 10 Kapiteln, denen die einzelnen Fragestellungen gewidmet sind, gut lesbar dargestellt.

Wichtiges Anliegen der Herausgeber ist die primäre Prävention durch Verminderung der Komplikationen von Übergewicht und Adipositas der Mutter. Die Risikoerhöhung für Schwangerschaftskomplikationen (Präeklampsie und Gestationsdiabetes), geburtshilfliche (operative Entbindungen und Schulterdystokien) und fetale Komplikationen (erhöhte Raten von Fehlbildungen, Fehlgeburten, intrauterinem Fruchttod, fetalen Makrosomien und von gestörtem postnatalen Adaptationsverhalten) kann durch die prägravide Beratung und Schwangerschaftsvorsorge positiv beeinflusst werden.

Neben dem BMI vor der Schwangerschaft kommt der Gewichtszunahme zwischen den Schwangerschaften für die Entstehung eines späteren Gestationsdiabetes eine wesentliche Bedeutung zu, während das Risiko für eine fetale Makrosomie mit einer hohen Gewichtszunahme während der Schwangerschaft wächst. Schon in der Embryonalperiode sind bei Adipositas Organanlage und Differenzierung durch Hyperglykämie, oxidativen Stress und Hypoxie gefährdet. Prozesse wie die Glykatierung zahlreicher Proteine (veränderte Regulationsfaktoren) und die verminderte Expression zahlreicher Gene (gestörte Signaltransduktion, Transkriptionsfaktoren, DNA-Bindungsfaktoren) spielen bei der gestörten Organogenese eine wichtige Rolle. Das Geburtsgewicht wird offenbar in weit größerem Ausmaß vom Intrauterinmilieu als von genetischen Faktoren bestimmt.

Im Zentrum der gegenwärtigen Diskussion steht vor allem das spezifische Phänomen einer epigenetischen maternofetalen Transmission erworbener Eigenschaften infolge perinataler Prägung, die pränatal angelegt, aber nicht durch das genetische Material vererbt worden ist. Eine Überfütterung könnte zu erhöhten Spiegeln von Glukose, Insulin, Protein und/oder Leptin während kritischer Entwicklungsphasen führen, welche über epigenetische Mechanismen eine perinatale Fehlprogrammierung zentralnervöser Regelsysteme von Nahrungsaufnahme, Körpergewicht und Stoffwechsel induzieren können. In der Folge kann eine lebenslang programmierte Disposition für Übergewicht und diabetische Stoffwechselstörungen selbst über mehrere Generationen der mütterlichen Deszendenz entstehen. Einzelgenveränderungen können eine langfristige metabolische Programmierung und Wachstumsmodifikation zur Folge haben, so dass eine erhöhte Rate von Übergewichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen („Tracking“) resultiert und im Erwachsenenalter metabolisches Syndrom und Diabetes mellitus häufiger auftreten.
Die Prävention von Übergewicht und Adipositas kann mit einfachen effektiven Mitteln durchgeführt werden. Wie wichtig die Änderung von Ernährung und Bewegungsverhalten ist, sollte Frauen und Schwangeren von Hausärzten, Frauenärzten und Hebammen nahe gebracht werden.

Übergewichtigen und adipösen Frauen ist als prägravides Ziel ein BMI von 20-25 kg/m² anzuraten, und es sollte eine Erhöhung der prä- und frühgraviden Folsäureeinnahme angesetzt werden. Mit den von namhaften Experten vorgelegten konkreten praktischen Empfehlungen für Therapie und Vorsorge wird das Ziel einer vermehrten Hinwendung zur primären Prävention erreicht.

Zusammengefasst ist das Buch nicht nur für Geburtshelfer und Hebammen empfehlenswert, sondern auch für alle Ärzte, die berufsbezogen mit Kinderwunsch, Betreuung von Schwangeren, Wöchnerinnen und Kindern zu tun haben.

Hartmut Hopp, Berlin