J. W. Dudenhausen:

Früherkennung und Beratung vor der Schwangerschaft: Prägravide Risiken 

Beratung während der Schwangerschaft, Untersuchungen und medizinische Betreuung, soziale Beratung und sozialmedizinische Unterstützung während der Schwangerschaft sind heute die Schwerpunkte der Schwangerenvorsorge.

Früherkennung und Beratung vor der Schwangerschaft: Prägravide Risiken
J. W. Dudenhausen
Frankfurt/Main 1995
ISBN 3-921324-20-3
 

Inhalt 

1. Genetische Beratung vor der Schwangerschaft
E. Schwinger
2. Der Einfluss des Gebäralters auf Schwangerschafts- und Geburtsverlauf
A. Huch
3. Schwangerschaftsverlauf nach in-vitro-Fertilisation
R. Felberbaum, K. Diedrich
4. Schwangerschaftsverlauf ohne zusätzliches Risiko nach in-vitro-Fertilisation?
W. Braendle
5. Beratung nach wiederholten Aborten
H. Weitzel, I. Moreno Richter, B. Stiemer
6. Beratung bei gynäkologischen Erkrankungen
W. Friedmann
7. Beratung bei der Einnahme von Medikamenten vor der Schwangerschaft
R. Stahlmann
8. Kohlenhydratstoffwechselstörungen und Beratung vor der Schwangerschaft
H. Otto
9. Schilddrüsenfunktionsstörungen als Beratungsgegenstand
R. Hehrmann
10. Belastungen des Herz-Kreislaufsystems durch die Schwangerschaft: Konsequenzen für die prägravide Beratung
W. Künzel
11. Risiko der Nierentransplantation für den Schwangerschaftsverlauf
P. Hengst
12. Risiken durch Lebererkrankungen und Beratung vor Schwangerschaft nach Lebertranspiantation
St. Niesert, H. H. Günter
13. Schwangerschaftsverlauf nach Herztransplantation
M. Hummel
14. Virusdiagnostik vor der Schwangerschaft
W. Jilg
15. HIV-Diagnostik in der Schwangerschaft und Konsequenzen für die Beratung vor der Schwangerschaft
A.P.A. Schäfer
16. Toxoplasmose-Diagnostik vor der Schwangerschaft
P. Hengst
17. Beratung bei Drogenabhängigkeit - Sucht und Psyche
C. Hahl weg, M. Stauber
18. Nikotin und Alkohol in der Schwangerschaft
H.-L. Spohr
19. Perikonzeptionelle Multivitamin-Einnahme zur Reduktion kongenitaler Fehlbildungen
T. Michael
20. Kassenarzt-technische Fragen zur Früherkennung und Beratung vor der Schwangerschaft
E. Effer 
 

Vorwort 

Beratung während der Schwangerschaft, Untersuchungen und medizinische Betreuung, soziale Beratung und sozialmedizinische Unterstützung während der Schwangerschaft sind heute die Schwerpunkte der Schwangerenvorsorge. Sie sind Maßnahmen der sekundären und tertiären Prävention. Es ist an der Zeit, die Konzepte zur Vorsorge und Früherkennung von Behinderungen des Kindes, die auf Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebensjahre ausgerichtet sind, unter dem Blickwinkel der prägraviden Risiken, der Früherkennung und Eliminierung vor der Schwangerschaft zu überprüfen. Die primäre Prävention von Behinderungen des Kindes muss in der Forschung und Klinik betont werden. Die Beratung der Frauen im gebärfähigen Alter muss ergänzt werden um die speziellen Gesichtspunkte, die eine Beratung vor einer möglichen oder sogar geplanten Schwangerschaft umfassen muss.

Die «Stiftung für das behinderte Kind zur Förderung von Vorsorge und Früherkennung « hat mit ihrem Symposium «Prägravide Risiken — Früherkennung und Beratung vor der Schwangerschaft« den Grundstein für die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Beratung vor einer Schwangerschaft gelegt.
Auf der Basis der Erkenntnisse dieses Symposiums müssen heute folgende praktische Regeln für die Beratung über prägravide Risiken formuliert werden:

1. Auch bei der prägraviden Beratung ist der Ausgangspunkt in einer Anamneseerhebung und einer allgemeinen Untersuchung mit Blutdruckmessung und Urinuntersuchung auf Eiweiß- und Zuckerausscheidung zu sehen. Dazu gehört auch eine Krebsvorsorgeuntersuchung einschließlich zytologischem Zervixabstrich.
2. Zahlreiche Befindlichkeiten und Krankheiten, die möglicherweise bei dieser Basisuntersuchung gefunden werden, rufen Verfahrens-Empfehlungen für spezielle Einzelsituationen hervor. Der vorliegende Kongressband enthält eine große Zahl solcher Empfehlungen.
3. Bei uterinen Fehlbildungen muss über eine prägravide operative Therapie gesprochen werden, dabei ist die Datenlage kritisch zu würdigen. Heutige Vorstellungen über beweisbare Therapieergebnisse, erstellt durch Studien mit neuzeitlichem Design, waren häufig früher nicht anzutreffen. Die Cardiolipin-Antikörperbestimmung und ein HLA-mapping ist mit Sicherheit nur in speziellen Fällen mit wiederholter Fehlgeburt angezeigt.
4. Zweifellos empfiehlt es sich, Diabetikerinnen prägravid streng mit Insulingaben einzustellen. Auch der Ausgleich einer Schilddrüsenfunktionsstörung vor der Schwangerschaft ist anzuraten.
5. Die Einnahme von Medikamenten sollte auf die medizinisch notwendigen beschränkt werden. In einzelnen Fällen ist ein Wechsel der Medikamente (ACE-Hemmer oder Antiepileptika) oder sogar eine Einnahmepause zu überlegen. Bei diesen speziellen Fragen sollte der Embryopharmakologe gefragt werden. Jedenfalls sollte nach Möglichkeit eine Monotherapie angestrebt werden.


Darüber hinaus sollten einige Regeln auch für die gesunde Frau im gebärfähigen Alter berücksichtigt werden.

1. Es sollte dringend vom Nikotingenuss und Alkoholgenuss abgeraten werden.
2. Eine generelle humangenetische Beratung wird nicht angeraten, diese ist nur bei einem erkannten Risiko für angeborene Störungen indiziert.
3. Kontrolle der immunologischen Abwehr: Erhebung des Rötelnimmunstatus, Untersuchung auf Antikörper gegen Zytomegalie-Virus, Untersuchung auf Antikörper gegen Parvovirus B 19, Bestimmung der Hepatitis B-Marker, Untersuchung auf Antikörper gegen HtV, Untersuchung auf Antikörper gegen Toxoplasmose.
4. Die Einnahme von 0,4 mg Folsäure pro Tag wird generell allen Frauen im gebärfähigen Alter empfohlen. Frauen, die bereits ein Kind mit neuraler Verschlußstörung geboren haben, sollten 4 mg Folsäure pro Tag perikonzeptionelt (4 Wochen vor und 12 Wochen nach der Konzeption) zuführen.

Es ist zu hoffen, dass diese präventiven Gesichtspunkte vermehrt Eingang in Klinik und Praxis finden. Darüber hinaus ergibt sich eine große Zahl wissenschaftlicher Fragestellungen auf dem Gebiet der primären Prävention kindlicher Fehlentwicklungen.

Berlin, November 1995

Joachim W. Dudenhausen