10.09.2010, 3sat

Schaden für das Kind

- Ärzte warnen vor Alkohol in der Schwangerschaft

"Alkohol schädigt das Gehirn von der ersten Woche bis zur Geburt", betont der Kinderarzt Prof. Hans-Ludwig Spohr von der Berliner Charité.

Das Spektrum der Beeinträchtigungen reicht von leichten Konzentrationsproblemen bis zu starken Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung, Wachstumsstörungen und Gesichtsfehlbildungen. "Da wir nicht genau wissen, wann und wie stark Alkohol in der jeweiligen Phase der Schwangerschaft wirkt, sollten Frauen auf jedes Glas verzichten, sobald sie wissen, dass sie schwanger sind", warnt Spohr.

Trinkt eine Frau am Anfang der Schwangerschaft, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Gaumenspalte, ein Herzfehler und andere organische Dinge auftreten. Trinkt, die Mutter aber am Schluss der Schwangerschaft, sind die Kinder körperlich nicht mehr auffällig. Dann entwickelt sich einzig noch das Gehirn und sie bekommen schwere Verhaltensstörungen."

"Mittlerweile liegen Langzeitdaten vor. Die sind ernüchternd. Aus stark Alkohol-geschädigten Kindern werden Erwachsene, die selten mit dem Leben klar kommen. Und junge Männer haben es besonders schwer", sagt Spohr. Die Kinder leiden oft unter Ängsten, behalten Gelerntes kaum und können ihren Alltag nicht strukturieren, schildert Spohr. "Sie können Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen und machen Fehler, die sie nicht begreifen." Andere sind aggressiv und werden häufiger kriminell. 70 Prozent könnten als Erwachsene nicht ohne Betreuung leben. 30 Prozent lebten allein oder in einer Partnerschaft. Neun von zehn waren ohne Job.

Pflegeeltern haben häufig Schuldgefühle

Besonders gravierend ist das Problem in vielen Pflegefamilien: Eltern haben Kinder aufgenommen, die im Mutterbauch "mittrinken" mussten und die den leiblichen Eltern aus anderen Gründen vom Jugendamt entzogen wurden, ohne dass über den Alkoholmissbrauch Kenntnis bestand. "Die Diagnose wird so gut wie nie direkt nach der Geburt gestellt, sondern manchmal erst Jahre später, wenn die Pflegeeltern verzweifelt zu uns kommen, weil sie sich nicht mehr zu helfen wissen", sagt Spohr. Oft müsse dann in Detektivarbeit über die Jugendämter die Geschichte der Mutter eruiert werden.

Eine Therapie für angeborene Hirnschäden gibt es nicht, aber: "Für die Pflegeeltern ist die Diagnose schon eine Therapie", sagt Spohr. "Sie fühlen sich nicht mehr schuldig, dass sie ein Pflegekind genommen haben und unfähig sind es zu erziehen." 95 Prozent alkoholgeschädigter Kinder leben in Pflegefamilien, weil ihre leiblichen Eltern sie vernachlässigten.

Es gebe verschiedene Therapieansätze, um je nach Ausprägung der Behinderung den Alltag besser zu bewältigen: So hätten viele Kinder trotz eines normalen Intelligenzquotienten große Schwierigkeiten, in einer Regelschule mitzukommen, weil Konzentrations- und Merkfähigkeit gering seien. Auch Rechts- und Unrechtsbewusstsein ist nach Erfahrungen von Spohr manchmal kaum vorhanden. "Die Kinder brauchen oft einen extrem festgefügten Rahmen, kleine Klassen, manchmal sogar Eins-zu-Eins-Betreuung."

Zusammen mit dem Gynäkologen Prof. Joachim Dudenhausen leitet Spohr an der Berliner Charité eines der wenigen Beratungszentren für Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom (FASD) in Deutschland. Initiator ist die "Stiftung für das behinderte Kind". Dort versuchen die Ärzte zunächst, die Schädigung in einem aufwendigen Testverfahren zu diagnostizieren. "Es gibt mittlerweile dazu ein verlässliches Vier-Punkte-Untersuchungsprogramm", sagt Spohr, der seit über 20 Jahren mit Alkohol-geschädigten Kindern arbeitet.

10.000 Kinder jedes Jahr in Deutschland betroffen

Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft ist in Deutschland die häufigste Ursache für körperliche und geistige Schäden bei Kindern. Das berichtete die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und riet werdenden Müttern, ganz auf Alkohol zu verzichten. Die Zahlen schwanken zwischen 3000 und 10.000 vom Fetalen Alkohol-Syndrom (FAS) betroffenen Kindern in Deutschland pro Jahr. Alkohol führt in 2000 Fällen zu schweren Störungen. Dazu zählen Gesichtsfehlbildung, Wachstumsstörungen im Mutterleib und auch nach der Geburt oder starken Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung. Für Österreich und die Schweiz wird die Zahl auf jeweils 700 bis 800 Fälle geschätzt.

Studien zufolge trinken dennoch 12 bis 15 Prozent der werdenden Mütter einmal oder mehrfach im Monat Alkohol. Es sollte "uneingeschränkt ein absoluter Alkoholverzicht" gelten, betonte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott. Auch die Techniker-Krankenkasse (TK) warnte, dass schon kleinste Mengen Alkohol in jeder Schwangerschaftsphase gefährlich seien. "Es gibt kein unbedenkliches Gläschen in Ehren", sagte TK-Ärztin Andrea Hoppe. "Den Frauen muss klar sein: Jeder Schluck Alkohol ist Gift für das Kind."

Den Film zu diesem Artikel können Sie hier sehen: Film "Schaden für das Kind"

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