29.12.2008, Focus

Piktogramme fürs Prekariat

Von  Ulrike Plewnia

Weil erschreckend viele Schwangere rauchen und trinken, will die Bundesregierung nun mit einem Aktionsplan gegensteuern.

Mit vier Monaten wog Sinja Gibson knapp 3500 Gramm. Als Kleinkind nahm sie unter großem Geschrei nur Spatzenportionen zu sich. Im Alter von neun Jahren maß das Mädchen aus der Nähe von Kiel ganze 115 Zentimeter. Den Kopf hielt es stets gesenkt, denn die Mitschüler hänselten das kleine, dürre Kind mit dem Sprachfehler als "Affengesicht". Mit 16 scheiterte sie noch immer an einfachen Aufgaben wie fünf minus vier.
Seit sie als Reiterin 2007 bei den Olympischen Spielen der geistig Behinderten zwei Goldmedaillen gewann, gilt Sinja Gibson als Deutschlands bekanntestes FAS-Kind die 20-Jährige leidet am Fetalen Alkoholsyndrom. Und sie weiß, dass sie für immer geistig behindert bleiben wird, weil ihre Mutter in der Schwangerschaft zu viel trank.

Aufklärung tut not, denn die Gefahr von Drogen wie Alkohol und Nikotin, die während der Schwangerschaft das Gehirn des ungeborenen Kindes vergiften, wird noch immer unterschätzt. Trinkende Schwangere riskieren schwere Fehlbildungen bei ihrem Nachwuchs, schlimmstenfalls FAS. Symptome sind entstellende Gesichtsverformungen, Minderwuchs, Störungen des zentralen Nervensystems, geringere Intelligenz.

Mit FAS kommen jedes Jahr in Deutschland 4000 Kinder zur Welt mehr als mit Down-Syndrom. Folge ist oftmals eine lebenslange Betreuung im Heim. Unter Fetalen Alkoholeffekten (FAE) leiden in schwächerer Form jedes Jahr weitere 8000 bis 10000 Neugeborene, deren Schädigung oft falsch diagnostiziert wird.

Dem Alkohol sprechen auch Schwangere aus den höheren Schichten zu, zumindest am Wochenende. Das Rauchen scheint hingegen vor allem ein Problem von werdenden Müttern aus der Unterklasse zu sein. Diese Klientel kümmert nicht, dass Nikotin den Fötus schädigt und zu Wachstumsverringerungen, Atemwegserkrankungen und Allergien führt. Mediziner warnen, herkömmliche Aufklärung pralle an diesen jungen ungebildeten Frauen ab, weil sie keine Bücher oder Broschüren lesen.

Die Sorglosigkeit vieler werdender Mütter erschüttert auch den Gynäkologen Christian Albring. In seiner Praxis in Hannover redet sich der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte "den Mund fusselig, die Finger von Alkohol und Zigaretten zu lassen". Wenn er vom exzessiven Trinken einer Patientin erfährt, vermerkt er den "regelmäßigen Abusus" wie ein "Mahnmal" im Mutterpass.

Um keine Patientin zu verlieren, vermeiden viele seiner Kollegen bei den Vorsorgeuntersuchungen die heiklen Themen Nikotin und Alkohol. Laut einer Stichprobe des Bundesgesundheitsministeriums sprechen nur 58 Prozent der Frauenärzte mit Schwangeren über die Gefahren. "Zu viele scheuen sich noch immer, vor Alkohol zu warnen", ärgert sich die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing. "Dabei besagt die Forschung eindeutig, dass schon kleine Mengen schaden."

Auf den Missstand reagiert Bätzing mit einem "Aktionsplan", den sie Anfang des Jahres vorlegen will. Beraten wird die SPD-Politikerin dabei von drei Experten. Joachim Dudenhausen, Chefarzt der drei Charité-Geburtskliniken in Berlin, gehört dazu. Ihn beunruhigt das "mangelnde Gesundheitsbewusstsein in den niedrigen Schichten". Laut Studien seines Hauses raucht ein Viertel der Frauen trotz Schwangerschaft weiter. Eine Erhebung zum "Rauchverhalten Schwangerer im Landkreis Ostvorpommern" besagt gar, dass lediglich 30 Prozent jener Frauen, die keinen Schulabschluss haben oder nur die Hauptschule absolvierten, bis zur Entbindung das Rauchen aufgeben. So will Bätzing der Industrie nun Piktogramme für das Prekariat abringen also abschreckende Bildchen auf Flaschen und auf Zigarettenpackungen.

Mediziner Dudenhausen fordert auch von der eigenen Zunft, noch klarer über die "fatalen Folgen" einer Mangelentwicklung des Fötus im Mutterleib zu sprechen. Mit präzisen Fragebögen könnten Ärzte dann Alkoholismus und Zigarettensucht besser aufspüren. Er möchte Nikotinabhängigen zudem kostenlose Raucherentwöhnungstherapien anbieten. Für ihn gilt: "Die Kassen müssten das wie Ultraschall und Blutdruckmessen bezahlen." Die Rücksichtslosigkeit der Mütter bezeichnet Dudenhausen, der auch die "Stiftung für das behinderte Kind" leitet, schlicht als "lebenslang wirkende Misshandlung".

So sieht das auch Reiterin Sinja Gibson. Sie flehte ihre Pflegemutter, die später FASworld als Selbsthilfeorganisation gründete, an, "allen zu erzählen, dass sie keinen Alkohol trinken sollen, wenn sie schwanger sind sonst kriegen sie solche Kinder wie mich."

Original-Artikel "Piktogramme fürs Prekariat"

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