14.09.2010, Kurier

Gefährliche Tipps:

Alkohol, Koffein für Schwangere

Empfehlungen für den Konsum von Alkohol und Koffein auf einer offiziellen Webseite sorgen für Aufregung. Die Verantwortlichen lenken ein.

Sind moderater Alkoholkonsum und acht Dosen Cola am Tag für Schwangere okay? Ja, wenn es nach der Webseite www.richtigessenvonanfangan.at geht (siehe Link unter dem Artikel). Das Gemeinschaftsprojekt von Gesundheitsministerium, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger bietet auf der Seite die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Ernährungstipps für Schwangere und Kleinkinder an.

So stieß der KURIER bei den Informationen für Fachexperten auf folgende Aussage: "Bei moderatem Alkoholkonsum während der Schwangerschaft konnten keine adversen Effekte wie Fehlgeburt, Totgeburt, beeinträchtigtes Wachstum und beeinträchtigte Entwicklung, Geburtsgewicht, Frühgeburt, Missbildungen und Krebsentstehung festgestellt werden."

Das widerspricht führenden Ärzten, die vor jedem Gläschen Alkohol in der Schwangerschaft warnen: "Es ist unverantwortlich, das so zu schreiben, weil sich jeder die Grenzen so setzen kann, wie er es gerade braucht", kritisiert Kinderarzt Prof. Hans-Jürgen Spohr vom Beratungszentrum für Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom an der Berliner Charité. "Da wir nicht genau wissen, wann und wie stark Alkohol wirkt, sollten Schwangere auf jedes Glas verzichten."

Schädigung

Genauso sieht das Univ.-Prof. Wilhelm Müller von der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz: "Das Baby hat nach zehn Minuten genauso viel Alkohol im Blut wie die Mutter. Der arme Fötus kann das Zellgift aber nicht abbauen. Die Schädigung muss ja nicht zu 100 Prozent sein, aber man will ja auch keine Intelligenzminderung um zwei bis drei Prozent riskieren."

Im schlimmsten Fall kommt es zum Fetalen Alkoholsyndrom (FASD). Dazu gehören Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung bis hin zu körperlichen Fehlbildungen. Spohr berichtet von einer ernüchternden Langzeitstudie: 70 Prozent der stark betroffenen FASD-Kinder konnten als Erwachsene nicht ohne Betreuung leben. Neun von zehn hatten keinen Job.

Vier Energy-Drinks

Auf der Webseite heißt es auf Basis von Daten der britischen Food Standards Agency weiter, dass Schwangere ihren Koffeinkonsum auf 300 mg pro Tag beschränken sollten: "Diese Menge entspricht unter anderem durchschnittlich drei Tassen Kaffee, sechs Tassen Tee, acht Dosen Cola-Getränken und vier Dosen Energy-Drinks pro Tag."
"Diese Menge ist schon aus gesundem Menschenverstand nicht zuträglich", sagt Spohr. Wegen des hohen Vitamin-A-Gehalts sollten Schwangere gar keine Energy-Drinks trinken, sagen Ernährungs-Experten.

Der KURIER konfrontierte die Verantwortlichen mit den bedenklichen Empfehlungen: "Das ist die aktuelle Studienlage, aber da habe ich auch kein gutes Gefühl dabei", gesteht AGES-Sprecherin Univ.-Doz. Ingrid Kiefer ein. Man sei bemüht, die Dinge genau zu recherchieren, aber bei acht Dosen Cola müsse man bedenken, was da an Zucker aufgenommen wird. "Wir schauen uns das nochmal genau an. Man muss diese Punkte sicher klarer ausformulieren, damit das nicht missverstanden werden kann."

Original-Artikel "Gefährliche Tipps: Alkohol, Koffein für Schwangere"

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