28.12.2017, 12.56 Uhr

Migration und Schwangerschaft

Symposium der Stiftung für das behinderte Kind anläßlich des Deutschen Perinatalkongresses, 1. Dezember 2017, CityCube Berlin

Im Zentrum des Symposiums stand die geburtshilfliche Versorgungssituation schwangerer Migrantinnen in Deutschland, auch die Darstellung spezifischer Mängel in der Versorgung oder Risiken für die ungeborenen Kinder. Neben der Vorstellung kultureller Unterschiede bei dem Umgang mit Schwangerschaft und Geburt wurden Programme und Strategien gegen bestehende Schwierigkeiten bei der Versorgung schwangerer Migrantinnen und ihrer ungeborenen Kinder vorgestellt.

Redner und Themen:

M. David, Berlin: Gut versorgt? Ausgewählte Ergebnisse der DFG-Studie ‚Perinatale Gesundheit und Migration in Berlin’.

M. Gohar-Chroborg, Berlin: Schwangerschaft aus Sicht der arabischen Kultur

T. Borde, Berlin: Konzepte für eine bessere medizinische Versorgung schwangerer Migrantinnen

G. Hasenberg, Zürich: Barrierefreie Kommunikation in der geburtshilflichen Versorgung allophoner Migrantinen (BRIDGE) – Empfehlungen für die Schwangerenberatung

R. Salman, Hannover: Erfahrungen des Projektes ‚Mit Migranten für Migranten’ mit interkulturellen Gesundheitslotsen in der Schwangerschaft

E. Kurth, Basel: Sprachbarrieren überwinden: Erfahrungen mit dem Telefondolmetscherdienst bei postpartalen Hausbesuchen

Zusammenfassungen

Zusammenfassung des Vortrages M. David

Arch Gynecol Obstet 2017; 296: 745–762

Obstetric and perinatal outcomes among immigrant and non-immigrant women in Berlin Germany

Matthias David1, Theda Borde2, Silke Brenne1, Babett Ramsauer3, Wolfgang Henrich4, Jürgen Breckenkamp5, Oliver Razum5

1) Department of Gynecology; Virchow Campus; Charité University Hospital; Berlin, Germany
2) Alice Salomon University of Applied Sciences; Berlin, Germany
3) Department of Obstetrics; Vivantes Hospital in Neukölln; Berlin, Germany
4) Department of Obstetrics; Virchow and Mitte Campuses; Charité University Hospital; Berlin, Germany
5) Department of Epidemiology & International Public Health; School of Public Health; Bielefeld University; Bielefeld, Germany

Background: In Germany, regular immigrants and their descendants have legal and financial access to health care equal to the general citizenry. Nonetheless, some of their health outcomes are comparatively unfavorable, and that is only partially explained by their lower socio-economic status (SES). The aim of this study was to assess whether this disparity exists also for obstetric and perinatal outcomes.

Methods: We compared obstetric and perinatal outcomes between immigrant women (first or second generation) versus non-immigrant women, delivering at three maternity hospitals in Berlin, Germany, 2011-2012.  Multivariable logistic regression analysis was used to assess immigrant status and other possible risk factors for the baby being delivered preterm, small for gestational age (SGA), or transferred to neonatal care.

Results: The final database retained 6702 women, of whom 53.1% were first or second generation immigrants. First-generation Turkish immigrant women had significantly lower odds of preterm birth (OR: 0.37, p<0.001), SGA (OR: 0.60, p=0.0079), and transfer of the newborn to neonatal care (OR: 0.61, p=0.0034).  Second-generation immigrant women had significantly lower odds of preterm birth (OR: 0.67, p=0.0049) or transfer of the newborn to neonatal care (OR: 0.76, p=0.0312). Moreover, women with education below university level, age 35+, or smokers had higher odds for poor outcomes.

Conclusions: This study provides strong evidence that health disparities for obstetric and perinatal health outcomes do not exist in immigrants relative to native Germans, but exist instead in women without post-secondary-level education compared to women with such education, regardless of ethnicity or migration history.

Zusammenfassung des Vortrages G. Hasenberg

BRIDGE – Barrierefreie Kommunikation in der geburtshilflichen Versorgung allophoner Migrantinnen in der Schweiz

Paola Origlia Ikhilor MSc, Gabriele Hasenberg MSc, Elisabeth Kurth PhD, Barbara Stocker Kalberer MSc, Eva Cignacco PD, PhD, Jessica Pehlke-Milde PhD

Vortrag am Kongress für perinatale Medizin, Berlin, 2. Dezember 2017
Referentin: Gabriele Hasenberg, ZHAW

Hintergrund:

Schwangere Migrantinnen und Mütter haben gegenüber einheimischen Schwangeren einen schlechteren physischen und psychischen Gesundheitszustand. Sie erleben Mehrfachbelastungen und gesundheitliche Probleme in der reproduktiven Phase. Knapp 10 % der seit mehr als einem Jahr in der Schweiz ansässigen Migrantinnen mit ausländerrechtlichem Status sprechen keine Landessprache.

Ziel der Studie

Das Ziel dieser zwischen 9/2015 und 1/2017 durchgeführten qualitativen Studie war die Beschreibung der kommunikativen Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung bzw. in der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett von allophonen Migrantinnen. Aus den Ergebnissen sollten Handlungsempfehlungen an die Adresse der politischen Organe, der Verbände und der Praxis abgeleitet werden.

Methode

Um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, wurde eine qualitative Erfassung der Erfahrungen von allophonen Nutzerinnen (also der fremdsprachigen Mütter selber), von beteiligten Fachpersonen sowie der interkulturell Dolmetschenden gewählt. In allen Untersuchungsgruppen wurden Interviews geführt, welche mit der Methode der thematischen Analyse  nach Braun & Clarke ausgewertet wurden.

Als allophone Nutzerinnen wurden einerseits junge Mütter eritreischer Herkunft als Vertreterinnen der Migrationsbevölkerung aus dem Asylbereich eingeschlossen. Andererseits wurde eine Gruppe albanisch sprechender Mütter untersucht, die in der Schweiz zur ständigen ausländischen Wohnbevölkerung gezählt werden können.  Die Fachpersonen (Hebammen, Pflegende, Neonatologinnen, Gynäkologinnen und Mütterberaterinnen) wurden in zwei Fokusgruppen zu ihren Erfahrungen befragt.Zudem wurden Interviews mit Dolmetschenden geführt, , die sowohl vor Ort als auch Telefondolmetscherfahrung in den beiden untersuchten Sprachgruppen hatten.

Eine quantitative Analyse von Protokollen telefonisch gedolmetschter Beratungsgespräche von freiberuflich tätigen Hebammen des Netzwerks FamilyStart beider Basel in der häuslichen Wochenbettnachsorge ergänzte die Perspektive der Fachpersonen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse wurden in den drei Dimensionen: (1) Lebensumstände und Versorgungssystem, (2) Beziehungen und Interaktionen, (3) Passung der Gesundheitsangebote beschrieben und konnten in einer Synthese über alle untersuchten Perspektiven zusammengeführt werden.

Herausforderung, die jeweils andere Lebenswelt zu verstehen
Für die allophonen Nutzerinnen war es eine grosse Herausforderung, sich in im fremden System zu orientieren. Sie kannten die Zuständigkeiten nicht und wandten sich mit ihren Anliegen eher an Angehörige, als Gesundheitsversorgungsangebote zu nutzen.
Die Fachpersonen bemühten sich, die fremden Lebenswelten zu verstehen, erkannten die sozioökonomische Probleme und psychosoziale Belastungen der Frauen und versuchten eine möglichst gutes Betreuung anzubieten. Dabei formulierten sie aber auch Anforderungen an die Integrationsbemühungen der Migrantinnen, insbesondere den Spracherwerb betreffend. Die Dolmetschenden beschrieben, dass Nutzerinnen häufig erwarten, die Fachpersonen könnten Lösungen für all ihre Probleme anbieten. Es war für sie aufgrund eigenen Migrationserfahrungen manchmal leichter, sich in die Situation der Nutzerinnen einzufühlen.

«In jedem Gespräch liegt grosse Hoffnung. Die Person, die das Gespräch führt, ist für die Frau sehr, sehr wichtig. Manchmal aber enttäuscht diese Person, die Realität ist halt so. Und dann ist einfach die Person schuld, ich, die Übersetzerin, oder die Fachperson. Weil wir nicht geholfen haben.» (Dolmetscherin für Albanisch)

Sich um das Verstehen bemühen und oft nicht vom Gleichen sprechen
Die Fachpersonen sahen sich oft in der Situation, keine Dolmetschleistungen zur Verfügung zu haben und Abstriche in ihrem Versorgungsangebot machen zu müssen. Sie beschrieben aber auch dann Schwierigkeiten, wenn Gespräche zwar gedolmetscht, aber mit zu vielen Informationen überfrachtet werden. Dolmetschende können interkulturell vermitteln, ihr Potenzial für die interkulturelle Übersetzungsarbeit erscheinen aber nicht voll ausgeschöpft. Sie äussern aber auch klar das Bedürfnis, sich gegenüber den Schicksalen abzugrenzen, denen sie begegnen. Die Gespräche mit den Nutzerinnen zeigten, dass diese ihre Rechte im Aufnahmeland nicht immer kennen, sich als von den Fachpersonen abhängig erleben, nur begrenzt Informationen selber beschaffen können und immer wieder auch diskriminierendes Verhalten erfahren.

«Wir mussten eine Frau notfallmässig in den OP bringen. Ich hatte das Gefühl, sie zu vergewaltigen […], grauenvoll, so grenzüberschreitend, einfach irgendeinen Katheter einsetzen und …, man kann nicht sagen, warum und wieso.» (Fachperson)

Übergestülpte Gesundheitsinformationen
Aus den Erzählungen der Nutzerinnen geht deutlich hervor, dass Ihnen eine informierte Entscheidung oft nicht gewährt wird. Es kommt immer wieder dazu, dass Informationen nicht oder falsch verstanden werden, besonders kritisch ist dabei, wenn die Verständigung in Notfallsituationen nicht ermöglicht werden kann. Auch anspruchsvolle Themen (z.B. Empfängnisverhütung, pränatale Diagnostik, Schwangerschaftsabbruch etc.) werden weder ethisch noch rechtlich angemessen behandelt. Für die jungen Mütter entsteht dabei ein Gefühl der Hilflosigkeit. Die Fachpersonen schildern viele ähnliche Situationen. Sie erkennen die Defizite klar, erliegen aber dennoch oft der falschen Annahme, dass die Kommunikation mit Händen und Füssen zu einem akzeptablen Ergebnis führe. Über alle Perspektiven hinweg ist die zentrale Aussage, dass eine angemessene Betreuung ohne Dolmetschen nicht möglich ist.

«Ich wusste nicht, was mit mir passiert, was mit dem Baby passiert. Ist mein Baby noch am Leben oder ist es gestorben?» (Nutzerin, deren Kind nach der Geburt vom Neonatologen untersucht werden musste)

Empfehlungen

  1. Allophone Migrantinnen müssen unterstützt werden, sich im Gesundheitswesen zu orientieren.
  2. Die reproduktive Versorgung von Asylsuchenden und Flüchtlingen bedarf einer genaueren Analyse.
  3. Interkulturelles Dolmetschen in der Versorgung von Schwangeren und Müttern mit Säuglingen und ihren Familien muss geregelt und gesichert sein.
  4. Das bereits bestehende Angebot von Dolmetschleistungen vor Ort- und am Telefon muss aufrechterhalten bzw. optimiert werden.
  5. Transkulturelle Kompetenz als Teil der professionellen Kompetenz, muss von den Fachpersonen erworben und kontinuierlich weiterentwickelt werden.
  6. Fachpersonen brauchen Unterstützung und Kompetenzen für die Beratung von allophonen Migrantinnen.
  7. Die Kommunikation in Notfallsituationen muss gesichert werden.
  8. Spezialisierte Angebote bzw. Kompetenzzentren für allophone und vulnerable Frauen und Familien sollten entwickelt werden.
  9. Interprofessionelle Zusammenarbeit muss bei der Betreuung von allophonen Migrantinnen besonders gut abgestimmt sein.
  10. Fachgesellschaften und Berufsverbände sollten geburtshilfliche Standards auf mögliche Überversorgung prüfen.

 

Der vollständige Studienbericht ist abrufbar unter:
https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/themen/strategien-politik/nationale-gesundheitsstrategien/nationales-programm-migration-gesundheit/chancengleichheit-in-der-gesundheitsversorgung/mutter-kind-gesundheit-in-der-migrationsbevoelkerung.html

zurück zu: Startseite