Übergewicht in der Schwangerschaft – Probleme für Mutter UND Kind drohen

Interview mit Prof. Joachim W. Dudenhausen

Sehr geehrter Herr Professor Dudenhausen, Statistiken belegen, dass in Deutschland etwa jede 4. Frau im gebärfähigen Alter übergewichtig oder adipös ist. Ist dies eine für das Gesundheitssystem wichtige Beobachtung?

Das Übergewicht vor und in der Schwangerschaft und die starke Gewichtszunahme während der Schwangerschaft bergen gravierende gesundheitliche Risiken für beide: für die Mutter, für ihr späteres Leben und für die Gesundheit des Kindes. Jeder Mensch ist nicht nur ein Produkt der genetischen Veranlagungen. Er entsteht auch unter Umwelteinflüssen und durch das Zusammenwirken zwischen diesen Umwelteinflüssen und den Genexpressionen.

An welche Umweltfaktoren denken Sie in diesem Zusammenhang?

Man bezeichnet die Beeinflussung des entstehenden Kindes durch Umweltfaktoren über die Mutter als Prägung des Feten oder als perinatale Programmierung. Diese Prägung kann den Stoffwechsel, das Autoimmunsystem, die allergische Reaktionsbereitschaft, kognitive Fähigkeiten und vieles andere mehr beim sich entwickelnden Kind beeinflussen. Im Zusammenhang mit dem Übergewicht vor und in der Schwangerschaft muss man sagen, dass hier eine Prägung des kindlichen Kohlenhydratstoffwechsels und die Gefahr eines späteren Diabetes mellitus des Kindes entstehen. Mütter, die übergewichtig sind, haben ein erhöhtes Risiko, einen Schwangerschaftsdiabetes zu entwickeln und ein übergewichtiges Kind zu gebären.

Ist es für das Kind denn nachteilig, wenn es übergewichtig ist?

Kinder, die bei der Geburt übergewichtig sind, beispielsweise wenn sie am Termin über 4.000 g Geburtsgewicht haben, haben bei der Geburt einige Risiken für Mutter und Kind zur Folge. Da sind zum Beispiel häufigere Kaiserschnitte. Auch die Raten von schwierigen Entwicklungen der kindlichen Schultern nehmen zu. Aber wichtiger noch ist das langfristige Risiko, das diese geprägten Kinder haben, sie haben auf Dauer ein erhöhtes Risiko für eine diabetische Erkrankung und andere Erkrankungen.

Lässt sich denn etwas gegen diese Prägung des Feten tun?

Wichtig ist, dass sich Frauen im gebärfähigen Alter gesund ernähren. Und sie sollten eine ausreichende körperliche Aktivität pflegen. Damit gelingt es Ihnen dann, Übergewicht oder Fettleibigkeit zu vermeiden. Sind Frauen im gebärfähigen Alter schon übergewichtig oder fettleibig, sollten sie durch Beratung über Ernährung und Bewegung versuchen, den Bodymaßindex vor der Schwangerschaft zu senken.

Sie betonen mehrfach die Bedeutung des Übergewichtes vor der Schwangerschaft. Ist denn die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft nicht wichtig?

Es gibt natürlich Regeln für die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft sowohl für untergewichtige, wie für normalgewichtige oder übergewichtige Schwangere. Hier sollten sich die Frauen bemühen, in den vorgeschlagenen Bereichen der Gewichtszunahme zu bleiben. Damit wird das Risiko eines übergewichtigen Kindes und einer Prägung des Feten – so, wie ich es eben beschrieben habe – vermindert.

Herr Professor Dudenhausen, vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Joachim Dudenhausen ist ehemaliger Leiter der Klinik für Geburtsmedizin der Charité und seit langem Vorsitzender der « Stiftung für das behinderte Kind ».